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Was bedeutet es, wenn mein Kleinkind sich schlecht benimmt? Was will es mir mit Toben, Schreien, Ausrasten zeigen?

Liebe Mama … Was dir dein Kleinkind mit seinem Verhalten sagen will: Ein imaginärer Brief an dich

Ich lade dich herzlich ein, diese Gedanken zu teilen.

Eben hast du eine halbe Stunde länger im Berufsverkehr gebraucht – deine Tochter sitzt noch im Kindergarten fest. Jetzt bist du endlich da. Deiner Tochter geht es zum Glück trotzdem gut. Sie spielt friedlich.

In dem Moment, als du aufbrechen willst, wird sie allerdings ungemütlich. Sie tobt im Flur, sie rastet aus, als du sie anziehen willst, sie beschimpft dich.

Wie peinlich vor den anderen Eltern und Erziehern! Die Situation entgleitet dir. Um ein Fünkchen Durchsetzungsvermögen vorzuführen, drohst du ihr: Kein Nachtisch heute Abend, wenn sie sich nicht endlich benimmt!

Das hilft gar nichts.

Auf dem Weg nach draußen das gleiche Spektakel: Mütze anziehen, in den Buggy setzen – Gebrüll, Gegenwehr, Tränen.

Dann noch fix in den Supermarkt: Sie will die Hand nicht halten, räumt die Regale aus, schreit an der Kasse los.

Du versuchst wieder, sie in den Buggy zu setzen – es artet in eine Rangelei aus. Jetzt fängst du auch an zu schreien. Du hast das Gefühl, komplett die Kontrolle verloren zu haben. Du fühlst dich unfähig, weil dein Kind so unfassbar unartig ist.

Warum benimmt sich dein Kind so schlecht?

Hast du als Mutter versagt? Nein.

Fragen wir doch mal andersherum:

Wann verhältst du dich besonders zickig? Wann bist du übellaunig? Wann zeigst du dich von deiner schlechtesten Seite?

Wenn du müde bist? Wenn dich jemand ignoriert? Wenn du gestresst bist? Wenn eine deiner Erwartungen enttäuscht wird oder einer deiner Pläne durchkreuzt wird?

Mir geht’s da genau wie dir.

Und weißt du, wem noch?

Deinem Kind.

Die Wissenschaft meint: Jedes Verhalten ist im Grunde nur Kommunikation.

Auch Aggression. Dazu kannst du hier mehr erfahren: Hilfe, mein Kind hat ein Aggressionsproblem!

Okay. Schön und gut. Aber jetzt erzählst du mir eine Geschichte, in der dein Kind sich wirklich wirklich blöd verhalten hat: Wüten, Schreien, Ungehorsam, Beschimpfungen. Und was ist damit? Ist das immer noch Kommunikation?

Ich sage ja.

Dein Kind fordert dich heraus?

Wenn dein Kind seine Frustration auf irgendeine gesellschaftlich unangemessene Weise ausdrückt – Schreien, Schlagen, Spucken, Rebellieren … – hat das höchstwahrscheinlich ähnliche Ursachen, wie wenn du selbst ungemütlich wirst. Der Unterschied: Es ist noch lange nicht so reflektiert wie du. Es kann noch längst nicht so komplex denken. Es kann Unbehagen, Enttäuschung, Furcht noch nicht in Worte fassen.

Was bleibt da noch? Zumindest die Gefühle rauslassen.

Warum das so unglaublich wichtig ist, liest du in diesem Artikel über Gefühlsausbrüche.

Du kennst dein Kind am besten: Wenn du es fortan aus einer neuen Perspektive beobachtest, kannst du vielleicht herausfinden: Was war der Auslöser? Was frustriert dein Kind am meisten? Wie war deine Stimmung in der jeweiligen Situation?

Manchmal nützt es dabei nichts, dein Kind direkt zu fragen. Kleinkinder wissen oft selbst nicht, was der Grund für ihr unangemessenes Verhalten war. (By the way: Wissen wir selbst das immer?) Wenn sie es vernünftig ausdrücken könnten, wäre das laute Spektakel ja überflüssig. Logisch, oder?

Schenken wir der kleinen Tochter aus dem Eingangsbeispiel doch einfach mal unsere erwachsene, reflektierte Sicht auf die Dinge. Und schenken wir ihr unsere erfahrene Stimme. Lassen wir sie einen ehrlichen Brief an uns schreiben.

(Die Idee stammt aus dem wundervollen Buch, von dem du wünschst, deine Eltern hätten es gelesen* von Philippa Perry. (Vgl. S. 217ff.))

Hier ist er:

Liebe Mama,

weißt du, mir ging es heute Nachmittag mit dir überhaupt nicht gut. Mich beschäftigt das noch immer so sehr, dass ich dir gerne einen Brief schreiben möchte, um wieder in einen guten Kontakt mit dir zu kommen. Denn ich liebe dich.

Du hast mich im Kindergarten, im Supermarkt und auf dem Heimweg ausgeschimpft. Du hast mir vorgeworfen, ich wäre frech und unartig gewesen. Du hast gesagt, ich solle mich nicht so anstellen, mich beeilen, mich benehmen. Du hast mein Verhalten beurteilt.

Aber Mama, weißt du, wie sehr mich das verletzt? Wie unsicher es mich macht? Weißt du, wie wertlos und schlecht ich mir dadurch vorkomme? Weißt du, dass ich in diesen Momenten nicht mehr weiß, ob du mich überhaupt liebst?

Es würde mir wirklich helfen, wenn du versuchen könntest, in den schwierigen Situationen auch meinen Blickwinkel in Betracht zu ziehen.

Ich erklär’s dir mal. Damit wir uns nächstes Mal besser verstehen. Okay? Das wünsche ich mir nämlich. Weil du der wichtigste Mensch für mich bist. Und der schönste.

Also pass auf:

Im Kindergarten habe ich mich schon irgendwie unterschwellig unwohl gefühlt. Ich hatte so ein Unbehagen ab drei Uhr. Ich wusste ja nicht, dass du dich verspätest, aber meine innere Uhr meinte: Du solltest jetzt eigentlich bei mir sein … und ich bei dir. Ich war unsicher.

Als du dann endlich da warst, Mama, weißt du, da hatte ich mich gerade in ein kompliziertes Spiel vertieft. Ich hatte ein spezielles Auto. Und ich hatte eine Regel mit den Linien auf dem Teppich. Ich war wirklich begeistert und ich wollte es durchziehen. Bis zum Schluss! Spielen ist meine Arbeit. Spielen ist die wichtigste Aufgabe für meine Entwicklung.

Aber du warst irgendwie gehetzt und hattest keine gute Stimmung. Du wolltest, dass ich sofort mein Spiel abbreche und mitkomme. Ich habe zwar Nein gesagt, aber das wolltest du nicht hören.

Ich bin noch nicht so flexibel wie du, weißt du, Mama? Ich musste schreien, weil es mich so wütend gemacht hat. Ich war wirklich enttäuscht.

Und dann wurde deine Stimmung auch schlechter. Irgendwie ging es von da an komplett bergab.

Ich habe mir angewöhnt, Nein zu sagen, wenn ich überfordert bin. Ich bin oft überfordert, wenn mir alles zu schnell geht. Ich will so gerne, dass unsere Dinge langsamer werden. Aber du bist immer in Hektik. Warum, Mama? Mir reichen manchmal schon fünf Minuten.

Unerwartete Veränderungen überfordern mich komplett. Nicht, dass ich versuche, dich zu manipulieren, zu testen oder dich in Schwierigkeiten zu bringen. Nein, Mama, gar nicht!

Es passiert einfach automatisch. Ich kann nichts dagegen tun.

Schau mal, du warst so gehetzt und gestresst. Ich hatte gar keine Verbindung zu dir. Weißt du, was mir das für eine Angst macht? Wie unsicher ich mich damit fühle? Wie wütend ich dann werde? Na ja. Jetzt weißt du es.

Es ist wichtig, dass du weißt: Ich kann nur in der Gegenwart leben.

Du lebst aber immer schon in der Zukunft.

Bitte, Mama. Komm zu mir in die Gegenwart! Ich bin hier sonst wirklich einsam und allein.

Wenn du zu spät kommst, bitte erkläre mir, was passiert ist und was wir als Nächstes machen. Du bist schon groß, du bist flexibel. Aber ich muss das noch lernen. Ich brauche in diesen Situationen einfach mehr Zeit.

Mein kompliziertes Spiel unterbrechen, den Mantel anziehen, schnell aufbrechen – ohne Verbindung zu dir – das ist mir zu viel.

Ich brauche für jede Aktion eine Vorwarnung. Ich brauche für jede einzelne Aktion eine einzelne Vorwarnung. Und dann brauche ich Zeit. Denn ich muss die Vorwarnung auch erst mal verarbeiten.

Bitte, Mama, erzähl mir doch den Hintergrund, den Plan für alles Weitere und dann lass mich die Informationen aufnehmen und verstehen. Das ist wirklich nicht so leicht für mich.

Du bist eben groß. Du hältst Flexibilität für etwas Selbstverständliches. Das ist es aber nicht.

Und wenn ich meine Jacke drinnen noch nicht anziehen kann, würdest du sie bitte einfach mit raus nehmen und wir ziehen sie draußen an?

Und weißt du. Im Buggy. Das geht auch so schnell. Dabei habe ich soo viel Energie in mir! Ich will so gerne selbst laufen. In meinem Tempo. Mein Frust platzt sonst einfach aus mir heraus!

Wenn du mir drohst, dass es keinen Nachtisch gibt – das kann ich noch gar nicht einordnen. Die Folgen meiner Handlungen zu bedenken – das schafft mein Gehirn noch nicht. Wenn du tadelst und laut wirst, werde ich immer unsicherer, bekomme immer mehr Angst und ärgere mich noch mehr, weil ich mich unverstanden fühle. Was für ein grässliches Gefühl! Wie sehr mich das frustriert!

Wenn ich so überfordert bin, dann kann ich einfach nicht ruhig sein. Dann muss ich umso lauter weinen und umso öfter Nein sagen. Verstehst du?

Mir würde es helfen, wenn du meine Not erkennen würdest. Wenn du sie empathisch benennen würdest. Und zwar auf eine Weise, die ich gut verstehen kann. Vielleicht so ähnlich wie: „Dein Spiel war dir so wichtig und jetzt bist du traurig und wütend, dass du aufhören musst.“

Je öfter du mir so etwas sagst, umso schneller werde ich lernen, meine Gefühle selbst in Worte zu fassen. Und dann streiten wir uns auch weniger. Denn dann muss ich nicht mehr so oft Nein sagen und schreien.

Wär das nicht was?

Bitte hab Geduld mit mir. Mein Gehirn gibt alles. Mir gefällt das Ganze nämlich auch nicht. Ich mache das nicht mit Absicht. Schließlich will ich mich nicht so schlecht fühlen.

Ich weiß, dass du viel um die Ohren hast und oft unter Druck stehst. Es ist dann schwer, meinen Blickwinkel einzunehmen. Ich verspreche dir aber, wenn ich mich geborgen, geliebt und verstanden fühle, werde ich nicht mehr so sehr ausflippen. Oder zumindest seltener.

Wenn wir im Kindergarten vielleicht kurz miteinander gekuschelt hätten, als ich so traurig, verwirrt und verärgert war, wäre der Rest des Tages bestimmt schöner verlaufen.

Wollen wir das nächstes Mal machen? Kurz kuscheln?

Du hast in dem Moment sicher viel daran gedacht, was die Erzieher und die anderen Eltern von dir denken. Aber denken sie überhaupt etwas Schlechtes? Bestimmt nicht. Die kennen das von meinen kleinen Freunden.

Irgendwann, Mama, irgendwann werde ich es ertragen können, wenn mein Plan durchkreuzt wird. Ich werde mit Enttäuschungen umgehen können, ohne zu schreien und zu toben. Ich werde in Worte fassen können, was mich bedrückt, anstatt dich zu blamieren.

Wenn du jetzt meine Beweggründe beachtest, dann werde ich auch lernen, deine Gefühle zu berücksichtigen. Das verspreche ich. Aber jetzt kann ich es leider noch nicht.

Im Übrigen, meine liebe Mama, denk nicht mehr daran, ob du mich richtig oder falsch erziehst. Ich tue zwar nicht das, was du sagst. Aber ich tue, was du tust. Weil du mein allergrößtes Vorbild bist.

Du bist die beste Mama der Welt.

Ich liebe dich.

Dein Kleinkind

Gewinner oder Verlierer?

Als Eltern führen wir manchmal einen Kampf mit unseren Kindern, in dem es um Gewinnen oder Verlieren geht. Dabei vergessen wir, dass kleine Kinder noch nicht die Flexibilität und die Frustrationstoleranz entwickelt haben, die sie bräuchten, um sich angemessen, also „artig“ zu verhalten.

Möchtest du mehr darüber erfahren, welche Kompetenzen Kinder lernen müssen, um sich angemessen zu verhalten? Und wie du aus Machtkämpfen aussteigen kannst?

Dann sei auf meinen nächsten Artikel gespannt: Verhalten ist Kommunikation: Wie schaffe ich es, dass mein Kind sich angemessen verhält? Fortsetzung folgt in den nächsten Tagen.

Bis dahin

Empathische Grüße

Anne

PS: Warum wir unter Stress keine Empathie mehr haben, liest du hier: Artgerecht in Familie leben.

PPS: Wenn du noch andere beste Mamas der Welt kennst, dann leite ihnen den Brief doch weiter. Sicherlich freuen sie sich über Post von ihrem Kind. 🙂

Literatur:

Perry, Philippa: Das Buch, von dem du dir wünschst, deine Eltern hätten es gelesen (und deine Kinder werden froh sein, wenn du es gelesen hast), Berlin 2020.*

Ich lade dich herzlich ein, diese Gedanken zu teilen.

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