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Loben schadet alternativen zu Lob

Teil II: Bedingungslose Liebe zeigen ohne Lob

Ich lade dich herzlich ein, diese Gedanken zu teilen.

Dein Kind hat zum ersten Mal einen Papiervogel ausgeschnitten – hochkonzentriert, voller Begeisterung. Bisschen schief und schräg zwar, aber das siehst du gar nicht. Was du siehst, ist dein stolzes Kind, das dir sein Kunstwerk strahlend vor die Nase hält. Und auch du bist stolz wie Bolle. Eine Urkunde mit dem ersten Platz in Wundergottwas könnte dich nicht stolzer machen!

„Woooow, toll! Wie schön das aussieht! Das hast du aber fein gemacht! Ich freue mich, klasse!“

Loben. Das kann nicht schaden. Loben brauchen Kinder, um selbstbewusst zu werden und einen Ansporn zu haben, weiter so zu machen. Es heißt schließlich „gut gemacht, weiter so!“. Stimmt’s?

Die klare Antwort: Nein.

Da muss ich dich enttäuschen.

Lob ist schädlich. Lob erreicht das Gegenteil von dem, was du erreichen wolltest. Es kratzt am Selbstbewusstsein. Es hemmt die Motivation. Es macht dein Kind unsicher. Es mindert seine Leistung.

Dazu kann man meinen, was man will: Die wissenschaftliche Forschung mit allen Erziehungsexperten, Entwicklungspsychologen und fortschrittlichen Pädagogen ist sich einig: Lob schadet. Und das auf ganzer Linie.

Warum das so ist, kannst du in Teil I dieses Artikels nachlesen: Der fasst die Thesen des Buches Liebe und Eigenständigkeit von Alfie Kohn* zusammen. Aber Achtung, er könnte dein Weltbild erschüttern.

Hier in Teil II erfährst du nicht den wissenschaftlichen Hintergrund zum Thema, sondern ganz konkrete Ideen dazu, wie du deinem Kind ohne Lob Wertschätzung und bedingungslose Liebe zeigen kannst.

Folge deinen Idealen

Dass Lob weniger schädlich ist, als körperliche Gewalt steht außer Frage. Dass das Modell bedingungsloser elterlicher Liebe auch nirgends zu 100% erreicht werden kann, ist auch klar. Wir alle sind Menschen aus Fleisch und Blut. Niemand ist perfekt. Wir machen alle Fehler. Und das ist auch gut so.

Lies mehr zur Unmöglichkeit, eine perfekte Mutter zu sein hier.

Gleichzeitig sollten wir unseren Kindern zuliebe ständig bemüht sein, unserem inneren Leitbild näher zu kommen. Ich zum Beispiel habe Ideale, die so hoch sind wie der Mount Everest, aber in meinem Alltag mache ich täglich gefühlt hundert grobe Fehler. Egal. Ich strenge mich weiter an.

Die Tatsache, dass unser Umgang mit Kindern immer verbesserungsfähig sein wird, heißt nicht, dass wir uns nicht besser verhalten können, als wir es momentan tun. Wir können und wir sollten es tun. Die Frage lautet, wie.

Kohn, S. 164.*

Bewusstsein entwickeln

Soll dein Kind sich deiner Liebe immer sicher sein können, deine Liebe immer fühlen? Dann brauchst du zunächst diese wichtige Voraussetzung: das Bewusstsein für das Konzept der bedingungslosen Liebe auf der einen Seite und die an Bedingungen geknüpfte Erziehung auf der anderen. (Diesen Schritt erfüllst du mit der Lektüre von Teil I.)

Je häufiger du dich fragst: Wenn ich meinem Kind zur Strafe sein Spielzeug wegnehme oder den Nachtisch verweigere – fühlt es sich dann nicht geliebt?, umso wahrscheinlicher ist es, dass du dein Verhalten ändern kannst und in Zukunft gute Lösungen für Konflikte findest.

Versetz dich in die Lage deines Kindes und frag dich: Würde ich mich nach dieser Reaktion bedingungslos geliebt fühlen? Wenn deine Antwort nein ist, wirst du womöglich stutzig. Wenn du dir die Frage nicht einmal stellst, dann kannst du auch schlecht empathisch und angemessen reagieren. Stattdessen wirst du liebloses Verhalten leicht mit fadenscheinigen Argumenten rechtfertigen.

Beispiel: Dein Kind weint nach einer Standpauke – du kannst dir entweder sagen, mein Gott, ist der heute wieder empfindlich! Oder du übernimmst die Verantwortung und fragst dich: Wie hätte ich mich an seiner Stelle gefühlt?

Zählst du gemeinhin zu den Schönwettereltern? Bist du besonders in Situationen liebevoll und aufmerksam, wenn dein Kind brav und gehorsam ist, Leistung erbringt und dich stolz macht? Bedingungslose Liebe sieht anders aus! Dein Kind braucht Liebe dann am allermeisten, wenn es sie „am wenigsten verdient“ hat.

Was sollte ich weniger tun?

Wenn du das verinnerlicht hast, gibt es bestimmte Möglichkeiten, deinem Kind zu zeigen, dass du es immer liebst. Dazu später mehr.

Es gibt allerdings etwas, das wir weniger tun sollten – weil dessen Botschaft ist: Manchmal habe ich dich gar nicht lieb.

Was ist gemeint? Kritisieren. Kinder sind genauso empfindlich auf Kritik wie wir selbst. Kleine Kinder sollten (nach dem erfrischenden Jesper Juul) sogar ein Schild um den Hals hängen haben, auf dem steht: „Ich vertrage keine Kritik. Sie schadet meiner Gesundheit.“

Hier einige Inspirationen für weniger Kritik (Ideen 1–4 nach Kohn, S.163ff.*):

  • Kritisiere seltener: Wird dein Kind häufig kritisiert, glaubt es, es könne dir nichts recht machen und vor allem: dass es nichts wert sei.
  • Kritisiere wenn dann konkret statt allgemein: Statt zu sagen: „Du bist (immer) so gemein zu anderen Kindern!“ lieber äußern: „Deine Stimme war gerade hart und unfreundlich.“
  • Kritisiere weniger heftig: Achte auf Angemessenheit. Dein Tonfall, deine Körpersprache, deine Wortwahl können schnell verletzender werden, als du wolltest. Und vor allem – als es ein kleines Malheur oder ein freches Wort wert waren.
  • Nutze Alternativen zu Kritik: Statt auf dem Verhalten deines Kindes herumzuhacken, ist es eine schöne Alternative, auf die negativen Auswirkungen für Andere hinzuweisen. Das lenkt die Orientierung weg vom Eigeninteresse hin zu verantwortungsvollem und respektvollem Handeln. Beispiel: „Wenn du so laut am Tisch bist, fühlt Frieda sich unwohl. Schau mal, sie guckt ganz traurig und hält sich die Ohren zu. Das ist ihr unangenehm. Bitte sei etwas leiser.“
  • Wertschätze die Situation und die zugehörigen Gefühle: Damit dein Kind sich gesehen und wertgeschätzt fühlt und damit es die Kritik leichter annehmen kann, nutze eine Spiegelung seiner Gefühle, bevor du Negatives anbringst: Beispiel: „Du bist wütend darüber, dass Leon das Spielzeug genommen hat, ich weiß, aber ihn deswegen schlagen? Das tut ihm doch weh, meine Güte!“

Unreifes Verhalten

„Eben wollte er mir nicht zuhören, also höre ich ihm jetzt für den Rest des Abends auch nicht mehr zu!“

Wollen wir uns verhalten wie zickige Sechsjährige? Um die Genugtuung zu erhalten, jetzt quitt zu sein, eine missbilligende und erniedrigende Strafe einzusetzen, ist unreif und zudem kontraproduktiv. Retourkutschen oder die beleidigte Leberwurst bringen deshalb nichts, weil die Beziehung zu deinem Kind nun mal nicht symmetrisch ist: Du stehst keinem Erwachsenen gegenüber. Sondern du allein trägst die Verantwortung für das Gelingen der Beziehung.

Du gibst den ganzen Tag lang alles. Oft wird es nicht gewürdigt. Schon gar nicht erwidert. Manchmal kommt dann ein niederschmetternder Spruch: „Ich hab dich nicht lieb – geh weg!“ Das ist nicht ernst gemeint, sondern schlichtweg der Ausdruck von Frustration. Das geht vorüber. Denk daran: Du bist erwachsen. Du bist reif. Dein Verhalten sollte entsprechend vorbildlich sein.

Wovon dein Kind mehr braucht

Dein Kind braucht statt Kritik, Strafe und Missbilligung mehr von dem Gefühl, ohne Wenn und Aber geliebt zu werden.

Dazu ist eine Frage essentiell: Wenn du mit deinem Kind zusammen bist, wie ist deine Stimmung da im Schnitt? Klar ist, du kannst Frohsinn, gute Laune und sprühende Lebensfreude nicht erzwingen. Gerade im anstrengenden Alltag ist das schwerer, als du jemals dachtest – bevor du Kinder hattest.

Aber dennoch: Bemühe dich um eine grundsätzlich positive Haltung deinem Kind gegenüber. ♥

Eine noch schwierigere Frage

Wie kannst du Liebe ausdrücken in Situationen, in denen dein Kind dich scheinbar zur Weißgut treiben will?

Tausendmal hast du dein Verbot ausgesprochen und trotzdem hält dein Kind sich nicht daran?

Hier wird meist angenommen, [Kinder] wollten „Grenzen austesten“. Dies ist ein sehr beliebter Satz im Bereich der Erziehung und wird von Eltern oft als Rechtfertigung benutzt, um mehr oder engere Grenzen zu setzen. Manchmal wird die Annahme, Kinder wollten uns testen, sogar als Begründung angeführt, sie zu bestrafen. Mein Verdacht ist jedoch, dass Kinder durch ihr Fehlverhalten vielleicht etwas völlig anderes testen wollen – nämlich die Bedingungslosigkeit unserer Liebe. […]

Unsere Reaktion sollte eine beharrliche Weigerung sein, in diese Falle zu tappen. Wir müssen ihnen versichern: „Egal, was du tust, egal, wie frustriert ich werde, ich werde nie, nie, nie aufhören, dich zu lieben.“

Kohn, S. 171.*

Innere Not erkennen

Helfen kann dir dabei der Gedanke, dass dein Kind dich niemals bewusst kränken oder stören will. Fehlverhalten ist häufig Ausdruck seiner inneren Not.

Ein persönliches Beispiel:

Als meine Zweijährige eines Tages unglaublich viel Blödsinn ausgefressen hat – im Beisein meiner Schwiegermutter – habe ich mich leise zu ihr hingehockt und ihr gesagt: „Weißt du, die Oma hat dich ganz genauso lieb wie deinen Bruder.“

Schlagartig war sie das liebste Kind der Welt.

Was war das Problem?

Ihre Oma hatte sich gerade intensiv mit ihrem Bruder beschäftigt. Meine Tochter hat sich dabei ausgeschlossen und nicht wertgeschätzt gefühlt.

Was hätte eine Strafe hier gebracht?

Ich kann nicht mal sagen „nichts“. Denn eine Strafe wäre destruktiv gewesen: in Bezug auf ihren Selbstwert, die Beziehung zwischen ihr und mir und ihre Beziehung zur Oma.

Den kleinen Menschen in seiner Not zu sehen, erleichtert es dir, ruhig zu bleiben und klar zu denken. Auch wenn du provoziert wirst und dabei wütend und frustriert bist.

Hier ist eine gute Basis, um bedingungslose Liebe zu schenken:

  • Sorge dafür, dass du das Zusammensein mit deinem Kind (meist) genießen kannst und bemühe dich um eine grundsätzlich positive Haltung zu ihm
  • Erkenne die innere Not deines Kindes, anstatt sein Verhalten persönlich zu nehmen
Wie kann ich mein Kind motivieren und ihm Anerkennung zeigen, ohne zu loben? 
Welche Alternativen zu Lob gibt es?
Ist Erziehen ohne Lob möglich und sogar besser?

Belohnst du Fehlverhalten nicht mit bedingungsloser Liebe?

Klare Antwort: Nein.

Man kann kein Kind mit bedingungsloser Liebe verwöhnen oder verziehen.

Mit „Dingen“ kannst du dein Kind zwar verwöhnen – aber nicht mit dem, was es wirklich braucht. Jesper Juul hat einmal so treffend geschrieben: Kinder, die man gemeinhin als verwöhnt bezeichnet, bekommen in der Regel zu viel von dem, wozu sie Lust haben, aber leider nicht genug von dem, was sie wirklich brauchen. (vgl. Juul, S. 70*)

Brauchen Kinder also Lob?

Auch hier eine klare Antwort: Nein. Im Gegenteil.

Was brauchen sie wirklich?

Gesehen werden, Wertschätzung und Anerkennung.

Die schädlichste Form des Lobens ist, das Kind bewusst zu Gehorsam zu manipulieren: Dein Kind hat sich „gut benommen“ und bekommt dafür einen verbalen Hundekuchen. Damit soll es mit an Bedingungen geknüpfte Zuneigung gesteuert werden.

Aber in vielen Fällen ist das überhaupt nicht dein Ziel. Stattdessen wollen schlichtweg deine authentischen Emotionen raus. Du liebst nun mal dein Kind über alles! Du findest es hübscher und liebenswerter und talentierter als alle Kinder dieser Welt. Sollst du dir jetzt ständig auf die Zunge beißen, wenn du ein Kompliment auf den Lippen hast?

Wichtig ist: Es kommt auch hier nicht darauf an, was du aussenden möchtest, sondern welche Botschaft bei deinem Kind ankommt. Was bemerkenswert an deinem positiven Urteil ist, ist, dass es ein Urteil ist.

Warum glauben wir, es sei konstruktiv, unsere Kinder andauernd zu bewerten?

Dieser neue Blickwinkel kann dir helfen, positives Feedback zu finden, dass eben keine Bewertung und kein Urteil ist.

Die gute Nachricht lautet: Es ist nicht nötig, Kinder zu bewerten, um sie zu ermutigen. Loben ist auch deshalb so verbreitet, weil nicht zwischen diesen beiden Dingen unterschieden wird. Dem, was Kinder tun, einfach Aufmerksamkeit zu schenken und Interesse daran zu zeigen, ist eine Form von Ermutigung […] Wenn bedingungslose Liebe und ehrlicher Enthusiasmus stets vorhanden sind, ist die Bemerkung „gut gemacht“ nicht notwendig; wenn sie fehlen, hilft „gut gemacht“ auch nicht.

Kohn, S. 180.*

Was kannst du also statt „gut gemacht“ sagen?

Alternative 1

Wie wäre es mal mit: nichts! Wie wäre stattdessen ein liebevoller, ehrlicher Blickkontakt? Eines, der größten Geschenke an dein Kind ist, es aufmerksam und direkt anzuschauen.

Anfangs kann dir das komisch vorkommen. Du fühlst dich vielleicht, als ob du dein Kind zu wenig unterstützt. Es kostet einige Zeit lang viel Konzentration, die alten Gewohnheiten zu durchbrechen. Beobachte dich selbst und schau, wie oft dir Urteile und Bewertungen herausrutschen.

Oder schau dich auf dem Spielplatz um. Für welchen Quatsch werden Kinder nicht alles gelobt. Toll gemalt! Super gerutscht und fein geschaukelt! … Mein Gott. Das ist die Schwerkraft, Freunde. Was fehlt noch … gut gesabbert?

Direkt in die Augen schauen und strahlen – das ist doch wahrhaft unmissverständlich. Und kein Urteil.

Alternative 2

Wenn du das Gefühl hast, ein liebevoller Kommentar muss vor Liebe, Glück und Begeisterung aus dir raus – glaube mir, ich weiß, man kann sonst platzen! – dann versuch dich mal bewusst in einer wertfreien Aussage. Auch ohne eine Beurteilung kannst du deinem Kind zeigen, wie sehr du dich mit ihm freust.

Achte auf den Unterschied:

„Toll, ganz fein!“ versus „Du hast es geschafft!“

Wenn dein Kind großzügig sein Obst geteilt hat, kannst du urteilsfrei ein Feedback geben, indem du (lächelnd) beschreibst, welche Auswirkung sein Tun auf den Anderen hatte: „Schau, wie sehr Ulli sich freut, dass du deine Trauben geteilt hast.“ Hier liegt der Schwerpunkt bei deinem Kind und seinem Gegenüber und nicht darauf, was du von seinem Tun hältst. Deine Botschaft ist damit nicht „von oben herab“ formuliert, sondern geschieht auf Augenhöhe. Das macht einen großen Unterschied für dein Kind.

Alternative 3

Statt zu beschreiben, kannst du Freude und Wertschätzung bekunden, indem du Fragen stellst. Was kann dein ehrliches Interesse besser ausdrücken?

Lob kann eigenes Denken stoppen: „Ah ok, das Urteil ist gefallen. So ist es nun mal.“ Forschungen zufolge lenkt Lob die Aufmerksamkeit weg von der Sache hin zu deiner Reaktion.

Wenn du dein Kind stattdessen fragst, was es selbst denkt? Dann regst du Interesse am Gegenstand an. Es macht sich dann eigenständig Gedanken darüber, wie es etwas geschafft hat oder welche Auswirkungen sein Handeln hat. Das ist sinnvolle Reflexion. Wieder ein großes Geschenk, das du deinem Kind machen kannst. ♥

Ein vier- oder fünfjähriger Junge […] zeigte seiner Mutter, was er gemacht hatte, und sofort sprudelte sie los, wie wunderbar es sei. […] Er hielt auch mir [seine Bastelei] hin. Statt ein Urteil abzugeben, fragte ich ihn, ob sie ihm gefalle. „Nicht so sehr“, gab er zu. Ich fragte, warum – und er fing an zu erklären, wobei sein Ton auf echtes Interesse daran, andere Möglichkeiten, wie er Materialien hätte benutzen können, schließen ließ. Eben diese Reflexion wird im Keim erstickt, wenn wir Kinder mit Lob überschütten. Meist hören wir auf, über das, was sie getan haben, nachzudenken und zu sprechen, sobald wir ein Urteil darüber verkündet haben.

Kohn, S. 181.*

Bei allen Reaktionen gilt: Vermeide den Eindruck, deine Anerkennung sei an Bedingungen geknüpft. Bildlich gesprochen: Es ist herablassend, deinem Kind wie einem dressierten Hund den Kopf zu tätscheln, weil es deine Erwartung erfüllt hat.

Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Ermutigung funktionieren anders.

Hier noch einige Beispiele:

Statt: „Wie toll, dass du X machst.“ lieber still lächelnd Aufmerksamkeit schenken. (Es heißt nicht umsonst „schenken“ – es handelt sich hier um etwas Großes.)

Statt: „Super gemalt, was für ein tolles Bild!“ lieber: „Mensch, solche Linien hast du letztens noch nicht gemalt. Das ist ja etwas Neues!“

Statt: „Dein Gedicht ist fabelhaft gelungen!“ lieber: „Wie bist du nur auf diese Reime gekommen?“

Die Haltung zählt

Dabei soll es nicht darum gehen, dass du auswendig gelernte Formulierungen anwendest, nur weil ein Buch oder Experte oder Artikel es dir vorgeschlagen hat. Bitte nicht! Es geht auch nicht darum, jeden Buchstaben auf die Waage zu legen. Es geht um die innere Haltung zu deinem Kind: Willst du es bewerten und manipulieren oder es dabei begleiten, ein eigenständiges, verantwortungsbewusstes Individuum zu werden? Selbst denken lernt man nicht dadurch, dauernd bewertet zu werden.

Wenn dein Kind das Gefühl hat, du freust dich mit ihm über etwas, worüber es selbst stolz ist, ist das eine tolle Sache. Wenn bei ihm allerdings die Botschaft ankommt, du stülpst ihm ständig nur deine Bewertung über, dann können eure Beziehung und sein Selbstwertgefühl darunter leiden.

Wie drückt man positive Gefühle aus, ohne zu bewerten?

Oft denkst du vielleicht, dir müsste dein Herz überschwappen, wenn dein Kind so superknuffig aussieht, etwas Tolles zum ersten (oder auch tausendsten) Male bewerkstelligt, ein herziges Liedchen trällert, freiwillig den Tisch decken hilft oder einfach hinreißend lieblich ist? Mir geht das auch so. Ich geb es offen zu: Ich bin sehr verliebt in meine Kinder und denke wie du, es seien die wunderbarsten Wesen dieser Erde.

Und um es mal ganz platt zu formulieren: Das will ich gefälligst auch ausdrücken dürfen, ohne an ihnen Schaden anzurichten.

Meine Lieblingsstrategie ist dabei: lächelnd Interjektionen vom Stapel zu lassen! Intejewaaas? Ja, der Deutschunterricht ist lange her: Empfindungswörter. Dazu garniere ich gerne eine wertfreie Beschreibung mit einer Allerweltsfloskel.

Hier einige Beispiele:

  • Kind 1 rezitiert mit zwei Jahren eine halbe Ballade (Die Geschichte von Räuber Ratte ist ja wohl eine Ballade!!) und mein Herz sagt mir: „Wooow, wie toll, was für ein talentiertes Kind, sie macht das soo super!“ Aber aus mir kommt nur ein Pfannkuchengrinsen mit einem seufzenden „Aaaaah! Du kannst ja die halbe Geschichte auswendig, du meine Güte!“
  • Kind 2 backt mir in der Kinderküche geduldig einen Als-ob-Kuchen und serviert ihn mir mit Als-ob-Minzbowle. Im Inneren denke ich: „Nein, wie niedlich, das macht er großartig, wie ein Profikoch, ganz entzückend, tolltolltoll!“ Stattdessen sende ich ein warmes Lächeln, intensiven Augenkontakt und: „Uuuh, wie das duftet! Mensch! Hast du das für mich gemacht? Danke!“
  • Neffe 1 schenkt mir einen selbstgebastelten Papiervogel und hält ihn mir stolz vors Gesicht. Ich denke: „Toll gemacht – wo ihm das mit der Schere noch so schwer fällt, hat er sich extra für mich die Mühe gemacht und es sieht wirklich spitze aus!“ Ich sage: „Heeej! Du lieber Mann, ein richtiger Vogel. Extra für mich? Ach, danke!“ und berühre ihn mit sanftem Druck an der Schulter.
  • Kind 1 geht beim Abendritual freiwillig ins Bad und drückt Zahngel auf die Bürste. Ich staune: „Wie cool, sie ist selbstständig hingegangen, toll!“ Ich sage mit anerkennendem Nicken: „Ach, du hast ja schon alleine die Zahnpasta draufgemacht. Da sind wir ja viel schneller fertig.“

Meine Güte! Mensch! Ei Gott! Ach! Du liebes bisschen! Hej! Was denn, wirklich?! Da staune ich ja! Mmh! Ja, ich sehe schon! Na das ist ja mal was! Uuuh! Aha! Eieiei! Donnerwetter! Hui!

Diese kleinen Dinger drücken aus, dass du wirklich aus dem Häuschen bist und dich mit deinem Kind freust. Eine warme Berührung, ein strahlendes Gesicht, ein anerkennendes Nicken, ein zärtlicher Fausthieb in die Schulter, ein staunendes Schweigen. Das funktioniert und fühlt sich mit der Zeit richtig gut an. Weil du dich innerlich auf Augenhöhe mit dem Kind begibst. Etwas ganz Wunderbares.

Wunderbare Grüße

Anne

PS: Wenn du findest, dass alle Kinder es verdient haben, echte Anerkennung zu ernten und wirklich gesehen statt nur wie ein Schoßhund gelobt zu werden, dann teil gerne diese Gedanken. URL kopieren und weiterleiten. 🙂

Literatur

Juul, Jesper: Das kompetente Kind. Auf dem Weg zu einer neuen Wertgrundlage für die ganze Familie, Reinbek bei Hamburg 2003.*

Kohn, Alfie: Liebe und Eigenständigkeit. Die Kunst bedingungsloser Elternschaft, jenseits von Belohnung und Bestrafung, Freiburg im Breisgau 2019.*

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