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Hitler im Herzen: Wie Erziehung dich und dein Kind traumatisiert

Ich lade dich herzlich ein, diese Gedanken zu teilen.

Kriegsgrauen: Bernhard, 28 Jahre. Wehrmachtsoldat, bei 50 Grad Kälte zwischen Gleisbett und Panjehütte. Von Läusen zerfressen. Zielt. Ob der Russe Familie hat? Hält die Luft an. Zu Hause ein Kind erwartet? Finger am Abzug. Bloß nicht nachdenken! Kein Mensch, sondern Feind. Abknallen, bevor er mich abknallt. Schuss. „DA KOMMT NOCH EINER! KNALL DEN AUCH AB!“ Schuss.

Nicht nur die Luft vor Stalingrad schmerzt vor Kälte. Auch die Herzen der Soldaten sind kalt wie Eis. Empathie hat keinen Platz – sie käme einem Todesurteil gleich. Du oder ich. Einer wird sterben.

Du fragst dich, was Stalingrad 1942 mit dir und deiner Familie zu tun hat? Der Zusammenhang hat mich auch erstaunt.

In diesem Text erfährst du:

  • Die Wahrheit darüber, welchen Einfluss die Naziideologie auf die Beziehung zu deinem Kind hat (ja, noch heute!)
  • In welchem Zusammenhang deine Kindheit, Trauma und Erziehung stehen
  • Wie du dein Kind vor emotionaler Gewalt schützt
  • Das Geheimnis, wie wir zu besseren Eltern werden

Wir beginnen mit einer grundlegenden Frage:

Was ist ein Trauma überhaupt?

Wie die meisten denkst du beim Begriff Trauma vielleicht als erstes an schwere Vergewaltigung, einen schlimmen Verkehrsunfall oder eine erbarmungslose Naturkatastrophe. Das sind tatsächlich Traumata für die Betroffenen, und zwar Schocktraumata. Darum soll es in diesem Artikel allerdings nicht gehen, sondern um das Entwicklungstrauma, das bisher im gesellschaftlichen Bewusstsein eher nicht verankert ist.

Ein Trauma zwingt die Psyche, sich aufzuspalten. Nicht wie bei einer multiplen Persönlichkeit, sondern als gesunde Reaktion auf eine massiv bedrohliche Notsituation.

Eher selten? Ganz und gar nicht. Fast jeder Mensch wird in seinem Leben Opfer von Traumata.

Gefühle abspalten

Empfindet ein Säugling eine lebensbedrohliche Situation (klassisches Beispiel ist schreien lassen) und kann sich dagegen nicht wehren, greift ein Überlebensmechanismus: Die Gefühle, die die Seele nicht aushalten kann, werden abgespalten. Gleichzeitig kämpfen andere Anteile der Psyche gegen die Aufdeckung der Verdrängung an. Das Trauma zu fühlen, wäre zu schmerzhaft. Der körperliche Stress (Kortisol) ist im Blut messbar. Dauerhaft. Der ganze Organismus strengt sich an, die unerträglichen Gefühle zu verdrängen.

Stell dir vor, du drückst lebenslang einen Ball unter Wasser. Der Ball will hoch! Immer. Du musst dich echt anstrengen, damit er unten bleibt. Er löst sich nicht einfach auf.

Anders gesagt: Traumata erzeugen im Körper dauerhaft Stress. Und Stress erzeugt allerlei Teufelszeug, Bluthochdruck, Krebs, alles, was du nicht gebrauchen kannst.

Übrigens

Ein klares Anzeichen von Traumatisierung ist die Leugnung desselben. Aber das nur am Rande.

Der Ursprung liegt in der Kindheit

Deine Eltern sollten dich im besten Falle bedingungslos lieben. Du solltest (im nächsten Schritt) dein Kind bedingungslos lieben.

Was heißt das konkret? Dein Kind muss sich jederzeit geliebt fühlen, um gesund aufzuwachsen und Resilienz zu entwickeln. Die Federführer von familylab Deutschland (Völchert, Juul etc.) machen in ihren Werken immer wieder klar: Dein Kind zu lieben und das in liebevolle Handlungen umzusetzen, sodass die Liebe von deinem Kind auch gefühlt wird, ist manchmal schwieriger als gedacht.

Noch schlimmer: Unbedacht hingeworfene Äußerungen wie „Dann hab ich dich nicht mehr lieb“, oder „Du bekommst Mamis Liebe erst wieder, wenn du dich beruhigt hast“, lösen schwere innere Nöte in Kindern aus. Doch ihr psychisches Wohlergehen und ihre seelische Entwicklung ist auf Gedeih und Verderb auf deine liebevolle Zuneigung angewiesen.

Fühlst du dich noch?

Heute sind wir umgeben von Erwachsenen, die sich in der Arbeitswelt ausbeuten lassen, die abhängig von schädigenden zwischenmenschlichen Beziehungen sind, die Süchte nach Essen oder Alkohol entwickelt haben und ihre wahren Gefühle nicht mehr spüren, die ihre eigenen Grenzen nicht wahrnehmen und entsprechend auch nicht verteidigen können.

Woher kommt das?

Hier ein Beispiel:

Eine Mutter erzieht ihrem Kind Gehorsam an, indem sie konsequent unterdrückt, dass es ein Nein äußert. Sie empfindet ihr Kind als ungezogen, störrisch und aufsässig, wenn es sich zu seinen eigenen Grenzen bekennt, und treibt es ihm aus. Sie erzieht dem Kind an, dass sein eigenes Nein nicht akzeptiert wird. Weint das Kind, wird es gescholten, ausgeschlossen, mit Ignorieren bestraft.

Klingt hart – kennst du aber sicher:

  • „Geh in dein Zimmer, bis du dich wieder beruhigt hast!“ (Ausschließen aufgrund von Gefühlsäußerungen)
  • „Wenn du so weinst, wollen wir dich nicht hier haben.“ (emotionale Erpressung)
  • „Der Spinat wird aufgegessen, sonst gibt es keinen Nachtisch.“ (natürliches Sättigungsempfinden unterdrücken/ Geschmackspräferenzentwicklung stören, Erpressen)
  • „Gib der Tante jetzt ein Küsschen, und hab dich nicht so.“ (körperliche Nähe erzwingen)
  • „Wenn du so eine schlechte Laune hast, will der Opa überhaupt nicht mehr zu uns kommen.“ (emotionale Erpressung)
  • „Ist ja nichts passiert!“/ „War doch gar nicht schlimm!“ (Gefühle negieren)

Schon mal darüber nachgedacht, was das für ein Kind bedeutet?

Ich habe ein (berechtigtes) Gefühl (denn Gefühle sind nie richtig oder falsch, sie sind einfach). Dafür werde ich ausgegrenzt, also ist an mir etwas falsch.

Ob du es wahrhaben willst oder nicht: Dein Kind ist emotional von dir abhängig und überhöht dich deshalb. Für dein kleines Kind hast du grundsätzlich Recht (auch wenn es das nicht zeigt), es speichert: Ich bin falsch. Die Liebe zu dir bleibt. Die Liebe zu sich selbst nimmt Schaden.

Was wird aus so einem Kind?

Wenn du als Kind gelernt hast, deine (negativen) Gefühle zu unterdrücken, dann hast du möglicherweise nie gelernt, deine eigenen Grenzen zu verteidigen, ordnest dich heute unter, machst einfach mit, nimmst dich und deinen Handlungsspielraum nicht ernst.

Klingt traurig? Ist es auch. Panik, Sucht, Schmerzen ohne körperliche Ursache, Hyperkonsum, exzessiver Sport, Gewichtsprobleme, Ausrasten, Depressionen oder Beziehungsunfähigkeit sind mögliche Folgen.

Wenn du dich heute nicht mehr ehrlich wahrnehmen kannst, nicht weißt, was du willst, schlecht oder gar nicht Nein sagen kannst, bekommst du mit deinem eigenen Kind neue, indirekte Probleme.

Ist dir aufgefallen, dass dein Kind die Gabe hat, dich unbewusst an deinen wunden Punkten zu treffen? Dass es im Guten wie im Schlechten die Extreme aus dir herausholt?

Sei deinem Kind dankbar. Es kann der Auslöser dafür sein, dich zum ersten Mal im Leben wirklich selbst kennenzulernen und deine Gefühle zu reflektieren.

Was wenn du nicht reflektierst?

Die Zeit heilt alle Wunden? Was uns nicht umbringt, macht uns stärker?

Das gilt nicht für kleine Kinder! (Wenn es überhaupt gilt, was ich anzweifle …)

Ein Entwicklungstrauma klebt an dir wie Pech. Es lässt dich ohne gute Traumatherapie niemals los. Und du gibst es unreflektiert an dein Kind weiter.

Ein starker Reiz kann im Unterbewusstsein die abgespaltenen Gefühle aufkochen lassen. Ein schreiendes Baby, ein wütendes Gegenüber, bestimmte Gerüche, Berührungen oder Wörter. Solche Reize sind sogenannte Trigger, die dich überzogen und unangemessen reagieren lassen.

Wenn du mit Panik und Verzweiflung auf das Weinen deines Neugeborenen reagierst, kann das darauf hinweisen, dass du selbst als Baby schreien gelassen wurdest.

Trigger

Hast du dein Kind vielleicht mal angebrüllt vor Wut und Überforderung? Hast du dich in einem späteren Moment gefragt, ob das nicht übertrieben war – wegen eines Schmutzflecks oder einer versehentlich zerrissenen Buchseite? Hast du dich mal gefragt, woher die viele Wut kommt?

Wirst du getriggert, fühlst du dich genauso hilflos, wütend oder verängstigt wie damals. Du kannst in der Akutsituation allerdings kaum mehr Einfluss auf deine Reaktion nehmen, weil dann alles schnell und unbewusst abläuft, und du dich zudem an das Trauma vermutlich gar nicht mehr erinnerst. Der seelische Schaden ist umso größer, je jünger du zum Zeitpunkt der Traumatisierung warst.

Deine eigene Geschichte aufzuarbeiten, kommt deshalb direkt deinem Kind zugute. Es ist kein Zähne fletschendes Raubtier, das dein Leben bedroht. (Tatsächlich – diese steinzeitliche Stressreaktion löst ein Konflikt mit deinem Kind im anstrengenden Alltag mitunter in deinem Organismus aus. Das ist messbar!) Da steht aber nur dein begeistertes Kind vor dir, das mit matschigen Schuhen in die Küche gelaufen kommt, um dir ein Schneckenhaus zu zeigen.

Es hat eine angemessene Reaktion verdient und keinen unkontrollierten Wutausbruch, der seine Wurzel in deiner Kindheit hat.

Wie entsteht Urvertrauen?

Urvertrauen ist für die Entwicklung eines positiven Selbstkonzeptes und ein zufriedenes Lebens essentiell wichtig. Prompt, liebevoll und angemessen die Bedürfnisse eines Babys zu befriedigen (nach Nahrung, Körperkontakt und Pflege) lehrt dem Baby Vertrauen in seine Eltern, seine Empfindungen und generell seine Umwelt. Ein Baby zu verwöhnen oder zu verziehen, ist absolut nicht möglich. Darüber ist sich die aktuelle Wissenschaftswelt einig. Gegenteilige Aussagen sind sadistischer Schwachsinn.

Was hat das jetzt mit Hitler zu tun?

Na endlich kommen wir mal auf die provokative Überschrift zu sprechen. Die Antwort ist ganz einfach: Die Nazi-Ideologie brachte Erziehungsmethoden hervor, deren Ziel gehorsame, gefühlstote Soldaten waren.

Die Lungenärztin Johanna Haarer veröffentlichte 1934 den grausamen Ratgeber Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind, das jede Mutter zur ersten Geburt geschenkt bekam. Steht bei deiner (Ur-)Großmutter vielleicht sogar noch im Bücherregal.

Haarer rät, den Säugling keinesfalls zu verzärteln, ihn stattdessen mit Liebesentzug abzuhärten. Schon mal den Spruch „Schreien kräftigt die Lungen“ gehört? Der stammt daher. An Böswilligkeit und Dummheit nicht zu überbieten.

Die Idee, dass der kleine Tyrann schnell verwöhnt werden kann und dann die Mutter ausnutzt und beherrscht, ist Teil der Schwarzen Pädagogik: Das Kind ist erst mal schlecht, fordernd, manipulativ, triebhaft und muss erzieherisch zum Guten verwandelt werden. Je strenger und härter, desto besser.

Das Kind muss demnach innerhalb der ersten zwei Lebensjahre gebrochen werden, um absolut gehorsam zu werden – keine Fragen stellen, nicht widersprechen, tun, was gefordert wird. Der perfekte Soldat.

Schwangerschaft und die ersten beiden Lebensjahre

Deine Zeit im Mutterleib und die ersten beiden (manche sagen drei) Lebensjahre sind die wichtigsten überhaupt: Was du für Nahrungsmittel zu dir nimmst, in welcher Umwelt du lebst, wie deine primären Bezugspersonen mit dir umgehen – das alles hat einen entscheidenden Einfluss darauf, wie dein restliches Leben ablaufen wird. Ob du an Körper, Geist und Seele gesund oder krank bist.

Ein Baby, das sein Weinen unterdrückt, ist ein traumatisiertes Kind. Die Panik, die es so alleingelassen fühlt, ist die blanke Todesangst. Sein Gehirn kann diese nicht ertragen und spaltet seine Gefühle ab (Angst, Wut, Scham, Schmerz). Sein physisches Überleben sichert es damit, dass es den inneren Stress und sein Bedürfnis nach körperlicher Zuwendung und Nähe unterdrückt.

Schlaftrainings á la Ferber funktionieren nachgewiesenermaßen deshalb gut, weil das kindliche Gehirn quasi vor Todesangst „ohnmächtig“ wird. Das Kind schläft aus extremer emotionaler Erschöpfung alleine ein.

Hitler im Herzen
Wie die Erziehung der Nazis bis heute unsere Beziehung zu Kindern beeinflusst
Erziehung und Entwicklungstrauma
Hitler im Herzen – die Erziehung der Nazis wirkt nach

Was bleibt bis heute?

„Du wirst doch wohl nicht gleich bei jedem Pieps springen? Die Kleine merkt sich das!“

Der Rat, auf kindliches Weinen nicht sofort zu reagieren, sondern wenn dann verzögert, zeigt die bleibende Angst davor: aus einem Säugling einen Tyrannen zu erziehen.

Es bleibt die Angst, wenn du nicht mit bösem Blick und wirklich streng Nein! sagen kannst, wenn du auf den „Trotzanfall“ nicht mit Härte reagierst, wenn du zu viel oder zu lange stillst, dass du ein verzogenes Monster großziehst. Es bleibt die Angst, als Eltern zu versagen.

Angst ist grundsätzlich ein ganz schlechter Berater.

Diese Befürchtungen sind grob gesagt haarsträubender Unfug.

Aber der Unfug hält sich. Leider. Er ist kulturell verankert. (In vielen afrikanischen Völkern ist übrigens das Gegenteil ins gesellschaftliche Bewusstsein gemeißelt: Dort ist man schockiert und verstört, wenn Mütter ihre Babys auch nur für Sekunden alleine weinen lassen.)

Und obwohl die Hirnforschung, die Traumaforschung und die Entwicklungspsychologie immer genauer einschätzen kann, wie schädlich die Ammenmärchen des Dritten Reiches sind, kommt davon in der modernen Pädagogik, in den Lehrplänen an den Universitäten, an den Schulen, in den Kindergärten wenig an.

Täter-Opfer-Dynamik

Ich stelle jetzt einfach mal die These in den Raum, dass alle Eltern das Beste für ihr Kind wollen. Wenn dir jemand glaubhaft versichert: Das Kind muss schreien, das ist das Beste! Dann hältst du dich daran – selbst wenn dir die Durchführung die Seele aus dem Leib reißt. Wenn es dir nicht die Seele aus dem Leib reißt, haben wir’s wieder – das Ding mit der mangelnden Empathie: Wenn dein Fühlen unterdrückt ist, wirst du leichter selber zum Täter: Du kannst dann kein Mitgefühl mehr für dein weinendes, hilfloses Kind empfinden. Du glaubst, was dir tausendmal eingeredet wurde: Es will dich tyrannisieren, erpressen, ist verzogen!

Dein Kind wiederum kann dich unmöglich als Täter wahrnehmen – Kinder idealisieren ihre Eltern wie gesagt. Die Verdrängung ist den Kinderopfern nicht bewusst und sehr leicht werden sie dadurch später selbst zu Tätern. So reicht die Mutter das Trauma weiter an ihr Kind und dieses an das Enkelkind.

(Apropos: Idealisierst du deine Eltern?)

Ein Meer aus Tränen

Ich sehe ein Meer aus unglücklichen Tränen von Menschen, die nach Plan und nicht nach ihrem Bedürfnis gestillt wurden, die auf einen Topf gezwungen wurden, weil die Mutter ihren Sauberkeitsvorstellungen folgen wollte, aber nicht dem Entleerungsrhythmus des Kindes, die Mutter mit Leistungen stolz machen sollten, mit den eigenen Bedürfnissen die Mutter aber in Verlegenheit brachten, die Opfer von Erziehungsvorschriften wurden: Schreien kräftigt die Lungen! Laßt ihn weinen und brüllen, bis er erschöpft ist, sonst wird er verwöhnt! Jungens weinen doch nicht! Sei keine Heulsuse, sei tapfer, beiß die Zähne zusammen, das ist doch nicht so schlimm! – und tausend andere Überzeugungen, die für das Kind zur brutalsten Gehirnwäsche wurden. Zu solchen Mißhandlungen kindlicher Seelen ist nur fähig, wer in ähnlicher Weise mißhandelt worden ist, aber, um zu überleben, das böse Handeln der Eltern allmählich als richtig und vernünftig akzeptiert hat, um es dan schließlich an die eigenen Kinder weiterzugeben.

Hans-Joachim Maaz: Der Lilith Komplex. Die dunklen Seiten der Mütterlichkeit, S. 85.*

Gewalt gilt plötzlich als Normalfall: Durch drohende Blicke, Strafen, Ignorieren, Anschreien oder den Entzug von Liebe werden normale Gefühle und Gefühlsäußerungen abtrainiert.

Dass Backpfeifen Gewalt sind, ist jedem klar. Aber dass psychische Gewalt, wie Beschämen, Lächerlichmachen oder verbale Anfeindung auch Gewalt sind – die die gleichen seelischen Narben wie Schläge hinterlassen – das ist dir womöglich nicht bewusst. Das muss sich ändern. Ein gesamtgesellschaftliches Bewusstsein dafür zu schaffen, was Gewalt ist, ist der erste Schritt in die bessere Richtung.

Es muss klar sein: Gewalt traumatisiert.

Warum ist emotionaler Terror so schädlich für die kindliche Psyche?

Ist emotionaler Druck eines deiner Erziehungsmittel? Dann fürchtet dein Kleinkind regelmäßig den Entzug deiner Liebe. (Meine Eltern wollen mich auf dem Spielplatz lassen? Also haben sie mich nicht lieb.) Sein Leben hängt evolutionsbiologisch aber von deiner Liebe und Fürsorge ab. Drohungen bei Ungehorsam oder dein zu Kind ignorieren, wenn es einen Wutanfall hat – das bedeutet für das noch steinzeitliche Gehirn des kleinen Kindes: Lebensgefahr. Und das ist traumatisch.

Die Lösung in der Akutsituation? Dein Kind gibt seine Integrität auf, spaltet die negativen Gefühle ab, passt sich an.

Du denkst dann, dein Kind sei brav. In Wirklichkeit ist ein Stück von ihm kaputt gegangen.

Elternsein führt zurück in die eigene Kindheit

Durch verschiedene Trigger im Elternalltag, kommst du oft an deine Grenzen. Im Klartext heißt das: Du kommst in Kontakt mit deinen eigenen Traumaerfahrungen. Um deinen eigenen Schmerz nicht zu erinnern oder fühlen zu müssen, entwickelst du destruktive Strategien:

  • Vielleicht erfüllst du alle (materiellen) Wünsche deiner Kinder sofort?
  • Oder du unterdrückst alle negativen Gefühlsregungen deines Kindes?
  • Du fliehst aus der Situation, indem du dauernd am Smartphone hängst?
  • Du sperrst in deiner Hilflosigkeit dein Kind vielleicht sogar ein?

Die Gefühle der eigenen Kinder auszuhalten ist mitunter die härteste Mutprobe für traumatisierte Eltern – deine eigenen (normalen!) Emotionen von damals wurden nicht ertragen, ausgehalten, akzeptiert. Und nun schreit, brüllt und schlägt der Nachwuchs um sich. Das führt dazu, dass du nicht mehr der vernünftige Mittdreißiger bist, sondern dich unbewusst in die Stressreaktion eines/einer Fünfjährigen zurückversetzt fühlst.

Das Problem erkennen

Kennst du das? Ist der Konflikt verraucht und du hast wieder Zugriff auf deine erwachsene Vernunft, fragst du dich, warum du überreagiert hast?

Wenn dir dein Problem zumindest selber klar ist – ehrlicher Glückwunsch! Ganz wichtiger erster Schritt. Dein eigenes Opfersein anerkennen, deinen eigenen Schmerz fühlen, zuordnen und akzeptieren zu können – das ist entscheidend. Nur das kann dein Kind vor (erneuter) Traumatisierung schützen.

Ein anderer Fall – der ungünstige – ist das Leugnen („Uns hat es auch nicht geschadet“, „Mich hat auch niemand getröstet, das muss er lernen.“) und die Schuld deinem Kind zuschieben: „Er hat es nicht anders verdient und muss jetzt die Konsequenz (Strafe) ertragen.“

Unreflektiert Erziehungsmethoden zu übernehmen, ist gefährlich. So wird leicht Täterschaft von Eltern zu Kindern zu Enkeln fortgesetzt. Das nennt die Fachwelt dann transgenerationale Traumata. Und die gilt es zu durchbrechen.

Negative Reaktionen auf bindungsorientiertes Familienleben

Das eigene Opfer-Sein führt häufig zu abwertenden, verständnislosen oder gar aggressiven Reaktionen auf Eltern, die empathisch mit ihren Kindern umgehen und klassische Erziehung kritisch hinterfragen.

Hier gilt ganz klar: Getroffene Hunde bellen.

Ein Mensch, der ganz bei sich ist, also durch und durch reflektiert, würde auf unbekannte Lebensmodelle sachlich reagieren. Wer hier schnell in den emotionalen Bereich hochkocht – ist der besagte getroffene Hund. Entweder können diejenigen nicht einsehen, dass ihnen selbst in früher Kindheit Zuwendung gefehlt hat oder/ und ihre eigene elterliche Täterschaft würde schmerzhaft in ihr Bewusstsein treten.

Lies mehr dazu, wie du mit ablehnender Haltung zu friedvoller Elternschaft umgehen kannst in: Was tun, wenn Andere mein Kind erziehen wollen? und hier in: Wie verteilige ich die Grenzen meinses Kindes?

Auf Familienbett, (Langzeit-)Stillen, empathische Begleitung von Wutanfällen etc. reagieren deshalb viele negativ:

Andere zu kritisieren ist leichter, als den eigenen Schmerz zu fühlen

[Die Kritiker] werden dadurch schmerzlich daran erinnert, dass liebevolle Zuwendung und Geborgenheit in ihrer Kindheit fehlten. Ihre Überlebensstrategie ist es, andere Meinungen zu bekämpfen. Die Mehrheit gibt ihnen leider oft Recht (weil sie ihrerseits ihre Traumata verschleiern will), so kommen sie um eine Auseinandersetzung mit sich selbst herum.

Julia Grabke, unerzogen Magazin 2/19, S.9

Kollektives Verdrängen ist in unserer Gesellschaft angesagt. Die eigenen schmerzlichen Gefühle zu erinnern, aufzuarbeiten, sich verletzlich zu zeigen, ist verpönt. Ein Indianer kennt schließlich keinen Schmerz, nicht?

Schönreden, Verleugnen, Verdrängen. So funktionieren die meisten Erwachsenen. So halten sie sich emotional über Wasser. Und verlangen Schönreden, Leugnen und Verdrängen letztlich auch im sogenannten „Trotzanfall“ von ihren kleinen Kindern.

Die traumatisierte Gesellschaft

Geht dir was auf? Leben wir womöglich in einer traumatisierten Gesellschaft? Hier ein paar Indizien:

  • starker (Konkurrenz-)Druck in Bildungseinrichtungen mit entsprechend vielen „Schulversagern“, Mobbing, Depressionen
  • allgemeine „Konkurrenzökonomie“ unter Eltern, in der Familie, in der Arbeitswelt
  • Gewaltverherrlichung in Medien und Spielen
  • hohe Raten an Sucht aller Art (Fress-, Beziehungs-, Drogen-, Kauf-, Arbeits-, Alkohol-, Spielsucht)
  • hohe Raten an psychosomatischen Leiden (z.B. Schmerzen oder Übelkeit ohne körperliche Ursache)
  • hohe Raten an psychischen Erkrankungen und Selbstmorden
  • Rassismus
  • Hass (im Netz), Extremismus in jeder Form

Wie kannst du die Traumaspirale auflösen und dein Kind schützen?

Wurdest du emotional von deinen Eltern (auch unbewusst, unabsichtlich) vernachlässigt, wirst du dein Leben lang darunter leiden. Da eher strenge, wenig empathische Erziehung früher gang und gäbe war, betrifft das die meisten in unserer Gesellschaft.

Eine ganze Industrie macht sich das zunutze: Konsumgüter, die kurz ein kleines Glück verschaffen, „Leckeres“ aus Zucker und Fett, Mediennutzung, die ablenkt von den eigenen Seelenzuständen, Karriere und Geldverdienen, Likes und Follower in „sozialen“ Medien.

Mach dir bewusst, dass das Ersatzbefriedigung ist. Diese Dinge sollen ablenken und kurz trösten – über den Fakt hinweg, dass die Erziehungsmethoden deiner Eltern nicht ermöglicht haben, dass du Urvertrauen und ein positives Selbstkonzept entwickelst.

Befriedigte Bedürfnisse gehen irgendwann, ungestillte begleiten uns ein Leben lang.

(Nora Imlau)

Vorsicht Missverständnisse!

Dass einem Kind (zeitweise) elterliche Zuneigung und Liebe fehlen, heißt nicht, dass die Eltern das Kind nicht geliebt hätten! Aber die klassische Erziehung, die unsere (!) Gesellschaft für konstruktiv hält, kommt beim Kind so an, als würde es nicht oder nur unter bestimmten Umständen geliebt werden.

Die Frage ist: Werde ich immer und bedingungslos geliebt? Oder muss ich „raus“, wenn ich „bocke“, „nicht funktioniere“, nicht „gehorche“? Werde ich um meiner selbst willen geliebt? Oder begegnen mir positive Rückmeldungen nur für gute Leistungen und braves Benehmen?

Raus aus dem Hamsterrad, rein ins Leben

Die sogenannte Leistungsgesellschaft und das allgegenwärtige Konkurrenzdenken nähren sich von traumatisierten Menschen, die nicht mehr fühlen können, die dauerhaft verdrängen.

Du ackerst in einem Job, der deine Gesundheit ruiniert, dir wertvolle Zeit mit der Familie stiehlt für ein oder zwei Urlaubsreisen im Jahr und teure Weihnachtsgeschenke. Ist es das wert?

Wen soll deine exzessive Sportstunde beeindrucken, die du öffentlich postest? Wozu brauchst du Likes und „Freunde“ in digitalen Netzwerken? Warum ist deine Laune abhängig von externer Bewertung, Lob, dem Neid der Nachbarn? Wozu brauchst du regelmäßig neue Klamotten, obwohl die „Alten“ pikobello sind? Wozu ständig Deko, regelmäßig das neuste Handy, ein größeres Auto?

Diese Dinge sind zwar kurz cool. Aber dein inneres Loch. Das bleibt.

Was heißt das jetzt für dich als Mutter oder Vater?

Du musst nicht das perfekte Familienoberhaupt sein. Der erste und wichtigste Schritt ist, anzuerkennen, dass deine eigene nicht perfekte (frühe) Kindheit Spuren hinterlassen hat, und wir alle durch unsere traumatisierte Gesellschaft in Strukturen gedrückt werden, die alles andere als menschenfreundlich sind.

Der zweite Schritt ist, dich (vielleicht mühevoll) wieder an deinen ursprünglichen Zustand heranzuwagen, in dem du deine Bedürfnisse und Gefühle wertfrei wahrnimmst und ausdrückst.

Dies kann der Beginn eines neuen, entspannten und zufriedenen Alltags sein. Und das wiederum kann ermöglichen, deinem eigenen Kind fortan mit Empathie, statt mit Gewalt zu begegnen.

Es ist hilfreich, neben unserem Kind auch unser inneres Kind und dessen Belange in den Blick zu nehmen und es nicht zu übergehen – das hatte es früher schon oft genug.

(Julia Grabke, unerzogen Magazin 2/19, S.11.)

In a nutshell

Obwohl deine Eltern wohl das Beste für dich wollten und alles gegeben haben, war das leider oft nicht das Beste. Gewalt an Kindern beginnt in der Kommunikation, mit bösen Blicken, Nichtbeachten, Gefühle Negieren, Alleinlassen, Drohen, Anschreien. All das schädigt das Urvertrauen des Kindes und behindert die Ausbildung eines gesunden, positiven Selbstkonzeptes. Blumig gesprochen: Ein Loch in der Seele entsteht. Und das will dann im Erwachsenenalter mit allerlei Konsumkram, Zucker, exzessivem Sport, übermäßigem Medienkonsum, wechselnden Beziehungen oder ähnlichen Ersatzbefriedigungen gestopft werden.

Das heißt nicht, dass alles falsch war, was früher in der Erziehung geschehen ist. Es heißt weißgott nicht, dass heute alle besser erziehen. Das heißt noch nicht einmal, dass wir heute besser wüssten, was denn bitte das Richtige sei.

Allerdings erfahren wir aus überprüfbaren wissenschaftlichen Erkenntnissen der Psychologie und Neurobiologie immer mehr darüber, was sich destruktiv auf die (Kinder-)Seele auswirkt – und dass viele klassische Erziehungsmaßnahmen „von früher“ eben schlichtweg schlecht waren.

Erst mal Fragen stellen

Der erste Schritt ist, Fragen zu stellen: Warum lässt dich das Weinen kalt? Warum rastest du bei Geschrei oder Trödeln aus? Warum stresst dich ein undankbares, forderndes Kind so? Warum hast du Gewaltphantasien? Was genau sind deine alltäglichen Trigger? Wo trifft dein Kind wunde Punkte? Deine eigene Vergangenheit anzuerkennen, zu reflektieren, ehrlich zu dir selbst sein, hat zunächst wenig mit Erziehung und der eigenen Familie zu tun. Aber du wirst merken: Es wird sich sofort positiv auf deinen Familienalltag auswirken. (Beachte aber, dieser Prozess braucht viel Zeit. Sei geduldig und nachsichtig mit dir selbst.)

Warum? Das nächste Mal, wenn dein Kind einen Wutanfall hat, wirst du vielleicht bewusst erkennen, wie Aggression in dir aufsteigt. Und du wirst vielleicht eingestehen können: Das hat überhaupt nichts mit deinem Kind zu tun, sondern mit dir und deiner Vergangenheit.

Alles andere ist Geschichte …

Hallo, Empathie, du kannst wieder rauskommen.

Wärmste Grüße

Anne

PS: Wenn du diese Gedanken so aufwühlend fandest wie ich, dann gerne weiterschicken. Teilen macht unsere Welt ein kleines bisschen empathischer. ♥

Weiterlesen

Literatur

Grabke, Julia: Erziehung ist Gewalt und traumatisiert uns systematisch. In: Unerzogen Magazin, Ausgabe 2/19, S. 7–11.

Ruppert, Franz: Wer bin Ich in einer traumatisierten Gesellschaft?*

Maaz, Hans-Joachim: Der Lilith-Komplex. Die dunklen Seiten der Mütterlichkeit, 2005.*

Charf, Dami: Auch alte Wunden können heilen.*

Erchova, Inga: Jede Mutter kann glücklich sein.*

Ich lade dich herzlich ein, diese Gedanken zu teilen.

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