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Alles Verhalten ist Kommunikation Machtkampf mit Kleinkind

Machtkampf oder Kommunikation: Wie bringe ich mein Kleinkind dazu, sich anständig zu verhalten?

Ich lade dich herzlich ein, diese Gedanken zu teilen.

Hast du das schon erlebt? Du bist mit deinem Kind und schweren Tüten auf dem Weg vom Supermarkt nach Hause. Der Tag war anstrengend und du willst nur noch heim. Vorhin dachtest du: Ach, komm, wenn er unbedingt zu Fuß gehen will. Die 100 Meter schaffen wir. Aber nun? Er lässt sich auf einer Eingangstreppe zum Sitzstreik nieder. Du bist gedanklich schon in der Küche und bereitest das Abendessen vor. Aber dein Kind will eine Pause machen. Was jetzt? Machtkampf, Nachgeben oder Durchziehen?

Viel öfter, als du jemals erwartet hättest, findest du dich mit deinem Kind in Machtkämpfen wieder. Beim Zähneputzen, beim Aufräumen, beim Anziehen. Dein Kind will seinen Kopf auf deine Kosten durchsetzen. Oder?

Gesellschaftlicher Druck

Diese Gedanken sind verständlich. Der gesellschaftliche Druck, ein artiges, fügsames Kind großzuziehen, ist hoch.

Wenn du dich in einen Machtkampf mit deinem Kind verstrickt siehst, ist jedoch eine gute Zeit gekommen, einen Schritt zurückzutreten und zu reflektieren.

Wichtig dabei sind zwei Dinge:

  • Es tragen immer die Erwachsenen die Verantwortung für das Gelingen der Beziehung. Das heißt, du bist verantwortlich für diesen Machtkampf.
  • Dein Kind und du – ihr seid keine Gegner. Ihr beide steht auf derselben Seite.

Die Idee der Schwarzen Pädagogik – ein Kind sei ein zu korrigierendes Objekt, in das man nur A hineingeben müsse, damit B herauskommt – ist schlichtweg menschenfeindlich.

Dein Kind ist kein Objekt. Dein Kind ist ein Individuum. Schon als Baby ist es das.

Deswegen ist die Vorstellung von Machtkämpfen, in denen es Gewinner und Verlierer gibt, reines Gift für die Familienbeziehungen.

Bocken, Testen, Kopf durchsetzen

Die Generation unserer Eltern war oft noch der Ansicht, es schade Kindern, wenn sie allzu oft „ihren Willen bekämen“.

Die fragwürdige Grundannahme dahinter: Wenn dein Kind gewinnt, handelst du dir für die Zukunft Schwierigkeiten ein. Die hässliche Phrase „Sie will nur ihren Kopf durchsetzen!“ hast du sicher schon oft gehört. Sie begegnet dir vielleicht öfter, wenn dein Kind einen Wutanfall hat, quengelig oder ungehorsam ist . Sie baut einerseits Druck auf: Du musst ja schließlich eine „gute Mutter“/ „ein toller Vater“ sein. Und andererseits würdigt sie dein Kind herab, das in Wirklichkeit in emotionaler Not ist: Und zwar als ein egoistisches, rücksichtsloses Objekt, das dich testen, manipulieren, bloßstellen will.

Doch ist das Verhalten deines Kindes wirklich ein Austesten?

Die Wissenschaft sagt: Nein. Dazu erfährst du mehr in diesem wundervollen Buch: Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn.*

Jetzt sind wir spaßeshalber mal mutig …

Wenn du nun kühn die Idee von einem „Willenskampf“ zwischen dir und deinem Kind beiseite schiebst, kannst du auch schlichtweg: locker bleiben. Du kannst dich stattdessen erst mal fragen, welche Gefühle hinter dem Verhalten deines Kindes stehen?

In der Entwicklungspsychologie herrscht seit Jahrzehnten Konsens darüber, dass jedes Verhalten eigentlich bloß Kommunikation ist. Missglückte Kommunikation vielleicht. Aber trotzdem. Was will dir dein Kind also damit sagen, wenn es ausflippt und rebelliert? Lies dazu als Inspiration den Brief deines Kleinkindes an dich.

Wenn Kinder sich unangemessen verhalten, sind sie in Wahrheit in Not und können nicht kooperieren. Wichtig ist also herauszufinden: Warum geht es dir gerade schlecht, mein Kind? Damit kommen wir weg vom Machtkampfgedanken (zwei Gegnger) hin zum Beziehungsgedanken (mein Kind und ich).

Sobald Sie das Gefühl hinter einem bestimmten Verhalten entdeckt haben und sich darin einfühlen, können Sie es in Worte fassen oder dem Kind helfen, Worte zu finden, um sich auszudrücken. Dann wird es weniger Bedarf haben, dieses Gefühl auszuagieren.

Philippa Perry*, S. 206.

Ständig Machtkämpfe mit Kleinkind was tun?
Machtkampf? Oder ist alles Verhalten eigentlich Kommunikation? Was bedeutet es, wenn mein Kind unartig ist?

Eine Frage der Zeit

Die Idee von einem Machtkampf zwischen dir und deinem Kind basiert auf der Schreckensaussicht, wie dein Kind sich in Zukunft entwickeln wird: zu einem rücksichtslosen Tyrannen? Davon abgesehen, dass diese Fantasie haarsträubender Unfug ist, lenkt die Befürchtung den Blick weg von dort, wo du und dein Kind wirklich seid: in der Gegenwart.

Und in genau dieser Gegenwart fühlt sich dein Kind vielleicht allein. Kinder, die sich „schwierig“ verhalten, für die IST ES GERADE SCHWIERIG. Kinder machen uns NICHT absichtlich das Leben schwer, wie es ihnen gern unterstellt wird. Sondern sie geben in jeder Situation ihr Bestes – soweit es ihnen gerade möglich ist.

Das Gewinner-Verlierer-Spielchen kann zur festen Gewohnheit mutieren. Und wenn die einmal eingeschleift ist, richtet sie massiven Schaden an der Beziehung zwischen dir und deinem Kind an. Wenn du dein Kind immerzu dominieren willst, weil man dir einredet, so ginge „gute“ Erziehung, dann lehrst du deinem Kind vor allem eines: wie es andere dominieren kann. Gehorsam hat aber wenig mit sozialen Fähigkeiten, wie persönlicher Verantwortung, Engagement und Freundschaft, zu tun. Ganz wenig. Okay. Es hat nichts damit zu tun, wenn wir’s genau nehmen.

Ein „Spielchen“, wie so ein handfester Machtkampf es ist, ist außerdem das Gegenteil einer authentischen Familienbeziehung.

Willst du wissen wieso?

Es gibt in einem Spiel Rollen. Eine Rolle ist nie dein authentisches Selbst. Das ist aber, was dein Kind braucht. Face to Face. Stattdessen katapultiert ihr euch in eine Tyrann-und-Opfer-Dynamik. Was lernt dein Kind? Entweder wird es selbst zum autokratischen Tyrannen oder es richtet sich in der Opferrolle häuslich ein.

Ständig Machtkämpfe zu verlieren, also andauernd Demütigungen zu erfahren, wirkt sich außerdem schlecht auf die emotionale Entwicklung aus. Demütigungen führen zu Wut. (Nicht, wie man vermuten könnte zu Demut.) Die Wut eines Kindes richtet sich dann entweder nach außen (hier mein Artikel über Aggression), nach innen (daraus entstehen Depressionen) oder gegen die ganze Welt. Letzteres erwächst sich gerne zu asozialem Verhalten.

Alles keine schönen Zukunftsaussichten.

Deswegen lassen wir das mit dem Blick in die Zukunft einfach mal bleiben und gesellen uns stattdessen zu unserem Kind:

In die Gegenwart

Ein Kind kann ausschließlich in der Gegenwart leben. Das ist Fakt.

  • Wenn du im Baustress lebst, aber die Aussicht darauf hast, bald mit deiner Familie in einen supertollen Neubau zu ziehen – sorry. Bei deinem Kind kommt nur Stress an.
  • Wenn du erschrocken auf die Uhr siehst und wegen eines dringenden Termins dein Kind packst und in den Buggy stopfst – dein Kind wird einzig durch eine übergriffige Geste verunsichert.
  • Wenn du in Gedanken schon beim möglicherweise schwierigen Schulstart bist – dein Kindergartenkind empfindet nur, dass du unzufrieden mit ihm bist, weil du dauernd darauf rumhackst, dass die 8 vor der 9 kommt.

Bis hierhin ist dir das wahrscheinlich selbst klar. Aber hattest du – wie ich – nicht auch schon mal so ähnliche Gedanken wie:

  • Wie soll ich ihr das jemals abgewöhnen?
  • Was ist, wenn er niemals ohne dieses Schnuffeltuch aus dem Haus gehen wird?
  • Was ist, wenn sie nie lernt, alleine einzuschlafen?
  • Was ist, wenn er nie wieder bereit sein wird, beim Essen ordentlich am Tisch zu sitzen?
  • Wird sie das überhaupt irgendwann lernen?

Aber: Fast alles im Leben eines Kindes ist nur eine Phase. Einmal verinnerlicht ist diese Botschaft ein echter Game Changer, denn sie bedeutet: Es ist völlig okay, wenn du dich daran anpasst, was aktuell funktioniert. Dann ist es jetzt eben Stillen im Herumlaufen. Dann mag es eben das bestimmte Lied zum Einschlafen. Dann putzen wir eben die Zähne, während Junior auf dem Küchentisch sitzt. Na und?

Sicher: Deine eigenen Grenzen zu überschreiten, macht auf Dauer alle in der Familie unglücklich. Respektiere dich, indem du deine eigenen Grenzen wahrst. Aber einer unbegründeten Zukunftsangst wegen Druck, Streit und schlechte Stimmung aufbauen?

Ich persönlich finde: Druck rauszunehmen ist im Zweifel doch immer die schönere Alternative.

Philippa Perry* weist in dem Zusammenhang auf das Reizthema Schlafen hin:

Wenn der einzige Weg, wie alle ein bisschen Schlaf bekommen, darin besteht, dass man zwei Doppelbetten zusammenschiebt und die ganze Familie hineinstapelt, dann machen Sie sich keinen Kopf um morgen: Schlafen Sie heute Abend. Irgendwann werden Ihre Kinder ihre eigenen Betten wollen. Sie werden genug haben von Ihrem Geschnarche.

Wenn das, was funktioniert hat, nicht mehr funktioniert, führen Sie eine Änderung ein, aber eine, bei der alle gewinnen. Soweit das möglich ist. Oder zumindest eine, bei der es keine Gewinner und Verlierer gibt.

Perry*, S. 209.

Also: Wie wäre, statt sich ständig um morgen zu sorgen, mal ein neuer Familiengrundsatz? Wir halten uns an das, was sich in der Gegenwart gut für alle anfühlt, anstatt ständig daran zu verzweifeln, was vielleicht eventuell möglicherweise in der Zukunft schiefgehen könnte.

In der Zukunft

Schön und gut, denkst du jetzt vielleicht, aber ich will für die Zukunft trotzdem, dass mein Kind sich artig verhält. Dass es sich in der Öffentlichkeit angemessen benehmen kann. Dass es nicht ständig ausrastet. Dass es sich vernünftig mitteilt.

Dazu muss dein Kind allerdings erst mal diese vier Grundfähigkeiten entwickeln:

  • Frustrationstoleranz
  • Flexibilität
  • Empathie
  • Problemlösungskompetenz

(vgl. Perry*, S. 210.)

Die enttäuschende Nachricht: Diese Fähigkeiten kannst du nicht erzwingen.

Die motivierende Nachricht: Diese Fähigkeiten entwickeln sich von ganz allein, wenn die neuronalen Schaltkreise im Oberstübchen deines Kindes beschließen: Jetzt ist es an der Zeit dafür.

Hier gilt also wieder: Druck raus, Tee trinken, die „Phase“ an sich vorbeiziehen lassen.

Was aber heißt das jetzt im Einzelnen?

Zurück zum Eingangsbeispiel: Vom Mond aus betrachtet, ist es völlig egal, ob ihr 5 oder 20 Minuten nach Hause braucht. Wenn du die Einkaufstüten abstellst, dich neben dein Kind hockst, siehst du vielleicht, dass es sich auf einen Käfer konzentriert, der die Stufe entlang krabbelt.

Welche Vorteile hat dein Gehirn gegenüber dem deines Kindes?

  • Wenn dein Kind deinem entspannten Abendessen im Wege steht (oder sitzt), kannst du dein Gefühl der Frustration aushalten, ohne auszuflippen. Ziemlich cool.
  • Außerdem bist du flexibel in deinen Erwartungen – statt zwanghaft (wie es Kleinkinder oft sind) weiterzulaufen, um das 5-Minuten-Ziel zu schaffen. Du disponierst um und legst halt eine Pause ein. Noch cooler.
  • Du erkennst das Problem mithilfe von Einfühlungsvermögen: dass dein Kind von den vielen Reizen während des Einkaufs eine Pause braucht (supercool!), und löst es, indem du dich mit ihm auf den Käfer konzentrierst. Fast so cool wie Meditation, oder?

Situation gerettet. Kein Kampf. Keine Verlierer. Nur zwei, die ihre Beziehung stärken. Verspätung letztendlich: 4 min 30 sek.

Da dein Kind dich nachahmt – ob du willst oder nicht – lernt es diese Fähigkeiten mit der Zeit ganz von allein. Wann es das lernt, kannst du allerdings kaum beeinflussen. Jedes Individuum hat seinen eigenen Lebensrhythmus. Das eine Kind fängt mit 9 Monaten schon an zu sprechen, das andere ist mit 3 noch bei Drei-Wort-Sätzen. Kein Problem. Es ist wichtig, dass dein Kind die Zeit bekommt, die es braucht. In jeder Hinsicht. In jeder „Phase“ seiner Entwicklung.

[Dein Kind] zu beruhigen und zu akzeptieren, in welcher Phase es sich auch befindet, wird eher dazu beitragen, es in die nächste Phase zu stupsen. Es hilft nichts, wenn man die Geduld mit ihm verliert.

Perry*, S. 211.

Wenn dein Kind sich also „daneben benimmt“, weil es keine Frustrationstoleranz hat, unflexibel und emotional überschäumend reagiert, ist das in den meisten Fällen entwicklungsgerecht. Es kämpft mit Frust. Das war’s.

Wie schon gesagt: Dein Kind macht dir NICHT absichtlich das Leben schwer. Sein Leben ist in dem Moment gerade schwer. Gilt für die Autonomiephase gleichermaßen wie für die Pubertät.

Gegen gesellschaftlichen Druck

Wenn dein Kind ausrastet, sich daneben benimmt und besonders in der „Öffentlichkeit“ unartig ist, dann kann dir schon mal die Behauptung entgegenschlagen, du seist du „lasch“ in der Erziehung und ein wenig mehr Strenge würde das schon richten.

Das stimmt nicht.

Es gibt sowohl Kinder, die locker erzogen werden und sich angepasst verhalten, als auch superstrenge Eltern mit rebellischen Wutknirpsen.

Noch einmal: Kinder sind keine Objekte, in die man A hineingibt, um B zu erhalten. Sie sind Subjekte. Individuen, die unseren Respekt verdienen.

In Bezug auf die vier wichtigen Grundfähigkeiten von weiter oben ist es nicht wichtig, welchen Erziehungsstil du verfolgst. Entscheidend ist stattdessen, wann das Gehirn deines Kindes reif dafür ist und wie schnell es Frustrationstoleranz etc. erlernt.

Ein langer Weg

Zugegeben: Deinem Kind in allen Entwicklungsphasen bereitwillig die Zeit zu schenken, die es braucht, kann anstrengend sein und dir ewig erscheinen.

Ich weiß. Du willst jetzt jemanden, der dir beim Ausräumen der Spülmaschine hilft. Und du willst jetzt, dass dein Kind vorbildlich kooperiert, wenn’s darauf ankommt. Und du willst jetzt, dass dein Kind sich höflich für das Geschenk bei Tante Erika bedankt.

Aber wir müssen unsere egoistische Angst vor peinlichen Situationen verbannen. Das führt nämlich sonst dazu, dass wir unser Kind demütigen, indem wir es wie einen Hund abrichten. Stattdessen können wir uns selbst bei Tante Erika bedanken. Zack: Anstand gewahrt, gutes Vorbild abgegeben, Erika glücklich.

Dein Kind lernt wahre Dankbarkeit nur dadurch, dass du sie ihm vorlebst. Wie es auch alles andere dadurch lernt, dass es Dinge vorgelebt bekommt und – schlichtweg – wächst.

Klar kann es unglaublich nerven, wenn dir dein Kind zum 57. Mal eine Tasse Kaffee aus seiner Kinderküche spendiert. Aber bitte: Nimm sie freundlich entgegen.

Das ist keine verschwendete Zeit.

Es ist investierte Zeit. ♥

Entspannte Grüße

Anne

Literatur:

Juul, Jesper: Leitwölfe sein. Liebevolle Führung in der Familie, Beltz 2019.*

Perry, Philippa: Das Buch, von dem du dir wünschst, deine Eltern hätten es gelesen (und deine Kinder werden froh sein, wenn du es gelesen hast), Berlin 2020.*

Graf, Danielle und Seide, Katja: Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn. Der entspannte Weg durch Trotzphasen, Beltz 2019.*

Ich lade dich herzlich ein, diese Gedanken zu teilen.

Kleinkind, Machtkampf, Verhalten ist Kommunikation

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