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Hilfe, mein Kind hat ein Aggressionsproblem!

Ich lade dich herzlich ein, diese Gedanken zu teilen.

Kennst du das? Du kommst überfordert, genervt und wütend aus dem Entwicklungsgespräch mit der Erzieherin: Frustrationstoleranz sollst du üben, deinem Kind besser die Grenzen aufzeigen und weniger durchgehen lassen. Dein Kind habe ein Aggressionsproblem und müsse lernen, sich zu zügeln! Haare ziehen, schubsen, hauen. So geht das nicht.

Was jetzt? Habt ihr als Eltern etwas falsch gemacht? Stimmt etwas mit deinem Kind nicht?

Ganz und gar nicht. In diesem Artikel erfährst du:

  • Was ein geistig gesundes Kind ist
  • Wie sich altersgerechte Aggression von problematischer Gewalt unterscheidet
  • Wo Aggression überhaupt herkommt
  • Wie du aggressive Gefühle integrieren kannst, um die Entwicklung deines Kindes zu fördern
  • Wie du reagieren kannst, wenn dein Kind vermehrt aggressiv ist
  • inklusive Infografik

Bereit? Hier entlang bitte:

Überwältigende Gefühle und Selbstkontrolle

Wenn im Kindergarten Probleme mit Aggressionen „diagnostiziert“ werden, handelt es sich normalerweise nicht um schwerwiegende Gewaltdelikte. Es geht meist darum, dass ein Kind einem anderen eins überzieht oder jemanden herumschubst, wenn ihm emotional die Hutschnur geplatzt ist: Ein überwältigendes Gefühl entlädt sich in Gewalt. Entweder weil die Selbstkontrolle noch nicht gut ausgebaut ist oder weil das Kind noch nicht besser kommunizieren kann als mit einem Schubsen. Dafür winken in den meisten Situationen Strafen (schimpfen, schlecht machen, ausschließen etc.).

Der berühmte Familientherapeut Jesper Juul bricht eine Lanze gegen das Tabuisieren von aggressiven Gefühlen in seinem Buch Aggression. Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist.* Seine These: Aggressive Gefühle sind normaler Bestandteil der menschlichen Seele. Aggressive Handlungen sollten als Kommunikationsversuch gedeutet und nicht bestraft werden.

In den letzten [20] Jahren ist die Tendenz, wütende und frustrierte Kinder in den Kindertagesstätten und Schulen zu diskriminieren, stark gestiegen, und Aggression ist heute zum Tabu geworden […]. Das neue Tabu setzt die geistige Gesundheit von Kindern sowie ihr Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen aufs Spiel.

Jesper Juul, Aggression. Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist,* S.10f.

Normale kindliche Entwicklung braucht Aggression

Die Wahrheit ist, dass jedes geistig gesunde Kind von zwei oder drei Jahren haut, schubst, beißt oder kneift. Und umgekehrt auch einen Schlag einstecken oder sich mal herumschubsen lassen muss. Diese „Gewalt“ ist ein wichtiger Teil der kindlichen Entwicklung. Sie ist nötig, um Empathie zu erlernen, differenzierte Gefühle zu entwickeln und Sozialkompetenzen zu erwerben. Deshalb sind Schuldzuweisungen oder Moralisieren („Das ist ganz böse!“) absolut daneben. Nicht nur das: Normale kindliche Entwicklungsphasen zu tabuisieren, ein Kind deshalb zu bestrafen, schlecht zu machen – das ist an sich ein höchst aggressiver Akt.

Sicherlich steckt eine edle Absicht dahinter: Eltern und Erzieher versuchen, friedliche Erwachsene zu erziehen. Gewaltverbrechen und Kriege wollen wir nicht. Aber die irrwitzige Idee: „Kind 1 schubst Kind 2. Und wenn wir nicht einschreiten und strafen, dann entwickelt sich Kind 1 zum Terroristen.“ .. nun ja.

Die ist genau genommen haarsträubender Blödsinn.

Aggression macht nicht automatisch Gewalt. Gewalt unter Jugendlichen und Erwachsenen ist nur ein Ventil für Gefühlsstaus [Maaz]. Das heißt: Gefühle zu tabuisieren – bringt keinen Frieden. Im Gegenteil: Gefühle zu unterdrücken – das macht letzlich Gewalt.

Lies hier mehr dazu: Hitler im Herzen: Erziehung und Trauma.

Auf natürliche Weise gutes Sozialverhalten lernen

Kleine Kinder in Städten sind heute rund um die Uhr von moralisierenden und belehrenden Erwachsenen umgeben. Dieses Konzept ist vergleichsweise neu. Die Kinder unserer Vorfahren sausten frei raufend, zeternd und schreiend in vergnüglichem Spiel durch den Wald. Sie lernten durch Vorbilder und das freie Spiel mit anderen Kindern. Nur wenn mich mal jemand an den Haaren gezogen hat, kann ich verstehen lernen, dass es für ein anderes Kind echt blöd ist, wenn ich das bei ihm mache.

Warum hauen nicht „böse“ ist

Strafen und Schimpfen werden dich nicht großartig weiterbringen. Kinder lernen wie echte Wissenschaftler, wie große Forscher. (Was sie zweifelsfrei auch sind.) Nämlich so: Sie haben eine Annahme, überprüfen diese mittels Experiment und lernen im Anschluss aus Erfolg und Misserfolg. Sie ziehen Schlüsse. Zum Teil führen sie ihre professionelle Versuchsreihe 50 mal durch, bis ihr Ergebnis sie überzeugt.

Beispiel:

Elias hat eine Annahme: „Wenn ich Benno von der Schaukel schubse, kann ich an seiner Statt schaukeln, weil ja dann die Schaukel frei ist.“

Erst mal keine schlechte Idee.

Experiment: Elias zerrt Benno von der Schaukel.

Ergebnis: Elias weint und schreit, ein Erwachsener kommt an und reagiert irgendwie negativ.

Schluss: „Ich muss einen anderen Weg finden, um schaukeln zu können.“

Das war weder gut, noch schlecht. Dieses Experiment hat alle drei Beteiligten so einiges gelehrt. Ein Kind nun moralisch schlecht zu machen („Das war böse!“), schädigt seinen Selbstwert, ändert an seinem Verhalten aber wenig.

Aggression unter Geschwistern

Unter Geschwistern gibt es Milliarden von Möglichkeiten aggressiver Auseinandersetzungen. (Das weiß ich aus eigener Erfahrung mit meinen Geschwistern …)

Ein großes Thema ist Streit um Objekte der Begierde, wie Spielzeuge, der Platz neben Mama, Obst etc.

Hier geht es im Grunde immer darum, dass ein Kind die persönliche Grenze des anderen überschreitet, um sein Ziel zu erreichen. Ob absichtlich oder versehentlich ist in dem Fall egal. Wenn jemand seine Grenzen überschreitet, fühlt sich dein Kind weniger bedeutsam oder wertvoll für das Gegenüber, als es sein wollte. Es zeigt seinen Frust darüber mit Hauen, Schreien oder Stoßen. Darauf kann die Erwachsenenwelt entweder mit moralischer Bewertung reagieren und bestrafen oder das Problem des Kindes annehmen und ihm zeigen, wie es besser geht.

Beispiel:

Eine Dreijährige baut einen Turm aus Bauklötzen. Die einjährige Schwester reißt ihn ein. Die Große schreit und schubst die Kleine dafür um.

Während die emsige Konstrukteurin gekränkt ist und sich als unbedeutend für die Kleine fühlt, versteht diese wiederum überhaupt nicht, was da gerade falsch gewesen sein soll. Ihr Entdeckerwille trieb sie zu einem Ursache-Wirkungs-Spiel an.

Und nun heulen beide.

Moralisch werten und strafen hieße: Beide ausschimpfen – die Große fürs Schubsen, die Kleine für die Zerstörung – und erklären, dass das böse und gar nicht fein war! Auch der abwertende Hinweis, das Kind sei ja schon groß und kein Baby mehr, ist weit verbreitet.

Das wird langfristig keine Punkte bringen. Kinder schlecht zu machen, produziert nur noch mehr Aggression.

Warum?

Hinter dieser Reaktion steht eine versteckte Drohung: „In unserer Familie ist Schlagen verboten! Wenn du dich nicht daran hältst, bist du böse und wirst ausgeschlossen.“ Ein Kind fühlt sich dann minderwertig – und Minderwertigkeitsgefühle sind tickende Zeitbomben, die sich früher oder später in Gewalt oder selbstdestruktivem Verhalten entladen.

Du kannst den Streit auch anders beenden (nicht schlichten!): Zwischen die Kinder gehen, um sie voreinander zu schützen, ggf. kurz trösten. Danach tut es eine persönliche, konkrete Ansage, wie diese:

„Ich bin gegen Schubsen, ich möchte das nicht! Das tut deiner Schwester weh. Aber ich kann verstehen, dass du wütend darüber bist, dass sie deinen Turm kaputt gemacht hat. Das ist wirklich ärgerlich!“

(Optional auch andersherum, wenn dein Kind dazu neigt, die Ohren zu verschließen. Dann geht auch die Formel: erst Verständnis und Wertschätzung zeigen und dann auf die Grenze der Anderen hinweisen.)

Mit der Zeit wird dein Kind lernen, wie es ohne Gewalt seine eigenen Grenzen verteidigen kann. Es braucht dafür zweierlei: dich als gutes Vorbild und Zeit.

Scheinbare Aggression unter Geschwistern

Mit sehr kleinen Kindern (z.B. zwei unter zwei) kommt es auch ohne Streit oftmals zu „Gewalt“. Beispiel: Ein knapp zweijähriges Kind umarmt sein Geschwisterchen so fest, dass es fast erstickt. (Weitere Beispiele sind: zum Knuddeln einfach aufs Babygesicht legen, zum Spielen kurzerhand aus der Wiege zerren, als Entertainment ein hartes Spielzeug unsanft an den Kopf schlagen, etc.)

Das ist natürlich keine Gewalt aus der Sicht des Kleinkindes. So weit kann ein Zweijähriges noch nicht denken. Was auch jedem klar sein dürfte.

Eine angemessene Reaktion wäre: Baby beruhigen, dem Kleinkind geduldig und wertfrei erklären, wie es seine Zuneigung zärtlicher zeigen kann.

Kritik am Kind?

Kritik ist in solchen Fällen verboten!

Ich weiß, in der Elternblog-Community ist „der erhobene Zeigefinger“ verpönt. Aber die neusten Erkenntnisse der Neurobiologie zeigen ganz klar: Kritik verhindert Lernen. Das betrifft intellektuelle wie soziale Kompetenzen. Ein kritisches Umfeld (schimpfende Eltern, nörgelnde Erzieher, zynische Lehrer) macht den Lernerfolg zunichte. Das konnte die unvergleichliche Vera Birkenbihl in ihren Büchern und Vorträgen über gehirn-gerechtes Lernen ganz fabelhaft erklären. Ihr Credo: „Keine Kritik im Anfängerbereich!“

Tja. Und wer ist ein echter Anfänger auf allen Gebieten? (D)ein Kind.

Kritik schadet außerdem dem Selbstwertgefühl deines Kindes.

Ein gesundes Selbstwertgefühl kann als ein besonnenes, nuancenreiches und bejahendes Selbstbild definiert werden – es ist der Schlüssel zur geistigen Gesundheit und zu einem starken psychosozialen Immunsystem […] jenseits von „gut“ und „böse“, „positiv“ und „negativ“, „frech (unartig)“ und „lieb“[…].

Juul,* S. 27.

Heißt das, du musst immer lieb und freundlich zu deinem Kind sein? Nein! Denn:

Gefühle unterdrücken ist nicht nur für Kinder schädlich

Es gibt aktuell in unserer mitteleuropäischen Kultur eine ungesunde Tendenz dazu, Gefühle zu unterdrücken.

Gerät in Kitas und Familien neuerdings jede „große“ Emotion (ausgenommen von Glücklichsein) in Verruf? Das schadet einerseits den Kindern: denn ihre psychosoziale Entwicklung wird gestört. Sie verkrüppeln seelisch. Andererseits schadet das auch den Erwachsenen: Sollen Eltern jetzt bitteschön nur noch hohle Schaufensterpuppen sein? Schauspieler, die „heile Familie“ und „Vorzeigepädagoge“ spielen?

Bitte nicht!

Der Familienalltag inmitten von Digitalisierung, dichtem Autoverkehr und hohen Bildungsansprüchen ist eh schon anstrengend genug. Bleiben wir doch lieber authentische Vorbilder aus Fleisch und Blut mit Ecken und Kanten. Ständig sanft, feinfühlig und freundlich zu bleiben, ist eine menschenunmögliche Aufgabe.

Mehr zu unterdrückten Gefühlen von Eltern liest du in diesem Artikel: Hör endlich auf, eine gute Mutter sein zu wollen!

Mehr zu Stressbewältigung hier: Artgerechterechte Familie – weniger Stress im Alltag.

Konstruktive Aggression ist wie Sexualität und Liebe: Alle drei machen Leben möglich, bereichern unsere Beziehungen, führen zu tieferen Einblicken und einer besseren Lebensqualität. Umarme in deinem Inneren diese drei Lebensaspekte […].

Juul, S.15.

Aggression und Gewalt

Natürlich existiert aber auch eine problematische Form von Gewalt. Keiner will, dass ein Kind einem anderen ernsthaft Schaden zufügt.

(Gegen Sex, Drugs und Rock’n’Roll hilft übrigens immer ein gesunder Selbstwert!)

Doch was ist überhaupt der Unterschied zwischen Aggression und Gewalt?

Wenn ein Kleinkind bis drei Jahre beißt, schubst, schlägt, dann ist das Teil seiner rundum gesunden Entwicklung. Die allermeisten Bisse dienen dabei sogar der Kommunikation, dem Stressabbau und dem Liebesbeweis und sind alles andere als böse gemeint. (Auch wenn es bei den Eltern oder Spielkameraden anders ankommt.)

Wenn dein Kleinkind dich stößt und schlägt, ist das oft auch der Ausdruck seines inneren Konfliktes: Es denkt tausendmal komplexer und zügiger als es sprechen kann. Es ist dauernd frustriert über seine eigene Begrenzung und baut damit negative Energie ab.

Geht ein Kind mit seinen eben erst gewachsenen Zähnen auf ein anderes los, dann sollte man es freundlich fragen, was es will. Entweder will es dem anderen Kind seine Liebe und Bewunderung ausdrücken oder seine Wut über etwas, was sein Gegenüber getan hat und ihm nicht behagt. […]

Juul, S.44f.

Wenn Zwei- oder Dreijährige sich beißen und schlagen, ist das also keine Gewalt im „erwachsenen“ Sinne, sondern ganz normales Verhalten. Förderlich ist es deshalb, mit seinen Reaktionen die betreffenden Kinder ein- statt auszuschließen! Nach dem Prinzip: Mir gefällt nicht, wenn du andere beißt/ schlägst. Aber sag, was willst du wirklich?/ Was hat dich so wütend gemacht?

Die Folge ist, dass das Kind nicht mehr frustriert ist und sein Kommunikationsbedürfnis auf andere Weise befriedigt wird. Das heißt: Es hat keinen Grund mehr zu beißen.

Aggression bei Kindern
Was tun, wenn das Kind haut, schubst, beißt?
Wie reagiere ich auf kindliche Aggression? Wo kommt Aggression bei Kindern her?
Woher kommt kindliche Aggression? Was sind Ursachen? Wie kann ich gegensteuern?

Wo kommt Aggression her?

Wut ist die normale Antwort auf Frustration in zwischenmenschlichen Beziehungen oder Begrenzungen. Hier einige Quellen von kindlicher und jugendlicher Aggression:

  • Erwachsene Aggression: Die Begriffe „Regel“ und „Strafe“ werden heute ungern benutzt. Stattdessen sprechen Eltern und Erzieher euphemistisch von „Grenzen“ und „Konsequenzen“. Das Prinzip ist aber das gleiche: Entweder, Kind, du passt dich an oder ich werde dich zur Strafe verletzen oder ausschließen. Das ist pure Aggression. Kinder kooperieren, d.h. sie spiegeln die Haltung ihrer Eltern: Das elterliche aggressive Verhalten wird also nachgeahmt – möglicherweise erst 10 oder 20 Jahre später. Die Folgen sind destruktive Aggression, also Gewalt, oder selbstschädigendes Verhalten.
  • Elterliche Traumata oder unterdrückte Gefühle: Kinder kooperieren mit unserer (auch unbewussten) Innenwelt. Häufig spiegeln Kinder die Seiten ihrer Eltern wider, die sie verleugnen, unterdrücken, nicht wahrhaben wollen, oder sie interagieren mit ungelösten Traumata. Beispiel: Eine „perfekte“ Mutter, die stets friedlich und freundlich tut, im Herzen aber viel unterdrückte Wut oder ungelöste Konflikte mit sich trägt, hat dann vielleicht einen hochaggressiven Streithahn als Kind.
  • Fehlendes Vertrauen: Auch mangelndes Vertrauen und permanente „Sorge“ sind elterliche Aggression. Wenn ein Kind oft hört „Du bist zu klein, das ist gefährlich!“, ständig in seinem Forscherdrang und seiner Autonomieentwicklung gestört wird oder ein Jugendlicher dauernd kontrolliert wird, ist das für beide Seiten Grund zu Frust und Aggression.Kinder stattdessen eigene Erfahrungen machen zu lassen und im „Ernstfall“ verständnisvoll zu spiegeln und Hilfe anzubieten, schafft eine wertvolle Grunderfahrung: Erwachsene sind für mich da, wenn ich sie brauche. Dein Kind hat später dann keinen Grund, wütend auf seine Umwelt zu sein.
  • Hirnreifeprozesse: Wie für die Autonomiephase mit zwei, drei Jahren gilt auch für die Pubertät: Frust, Aggression und Stimmungsschwankungen gehören zu diesem Alter einfach dazu. Dass das für Eltern teilweise unerträglich ist, steht außer Frage, aber bei den Kindern ist es schlicht: normal und gesund. Wer hat gesagt, das Leben sei ein Ponyhof? Verlier nicht deinen Humor!
  • Spiegeln elterlicher Konflikte: Aggressionen zwischen Geschwistern sind in manchen Fällen ein Verarbeiten des elterlichen Machtkampfes. Offene oder verborgene Rivalität unter Geschwistern kann ein Spiegel für verbale oder körperliche Verletzungen zwischen den Eltern sein. Achtung: Die „Entthronung“ nach der Geburt eines neuen Familienmitgliedes ist natürlich ein gesonderter Punkt und hat mit Geschwisterrivalität in dem Sinne nichts zu tun.

Wie kannst du aggressive Gefühle integrieren?

Die ersten Lebensjahre bestehen fast ausschließlich aus Lernprozessen, die – jede Stunde aufs Neue! – mit Frustration einhergehen. So funktioniert ein Kleinkind: Lernen, Frust, Lernen, große Gefühle, Lernen und schließlich: Wachsen. Gönnen wir unseren Kindern dabei die nötige Zeit. Akzeptieren wir ihre Gefühle. Dann lernen sie von ganz alleine, Wut und Traurigkeit differenziert wahrzunehmen und sie entsprechend integrieren. Ein Kind wird mit acht oder zehn Jahren in der Lage sein, Wut in Motivation zu wandeln und in Ziele zu übersetzen.

Noch ein Beispiel:

Wenn ein zweijähriges Kind wild geworden nach der Mutter schlägt, weil es sich unverstanden fühlt und auch noch „dumme Mama!“ schimpft, was dann?

Wenn es dich triggert und du einen ungebremsten Wutanfall bekommst – gar nicht gut! Lies hier, woran das liegt: Hitler im Herzen – Erziehung und Trauma.

Ansonsten kannst du

  • das Kind schlecht machen, während du in der dritten Person redest: „Das ist aber böse, die Mama möchte doch die beste Mama der Welt sein!“ Diese moralisierende Reaktion ist sowohl schädlich für kindlichen Selbstwert als auch für die Beziehung zu deinem Kind.
  • selbst aggressiv werden: „Sag/ Tu das nie wieder! Und jetzt geh weg, bis du dich beruhigt hast und dich entschuldigen willst! Ab!“ Das ist gleich eine doppelte Demütigung für das Kind und sehr schädlich für seinen Selbstwert. Die Aggression wird dadurch wachsen und eventuell ausgelagert werden (besonders in der Pubertät).
  • deine Grenze in Ich-Botschaften vermitteln: „Lass das, das tut mir weh, ich will das nicht. So redest du nicht mit mir!“ Dein Kind nimmt absolut keinen Schaden davon, wenn du deine eigene Grenze deutlich machst. Es lernt dabei zwar nichts über sich, aber etwas über dich. Diese Reaktion wird die Aggressivität weder vermindern, noch verschlimmern.
  • freundlich und interessiert bleiben, Blickkontakt herstellen, das Kind etwas von sich weg halten: „Na du bist aber wütend! Womit hab ich dich denn so verärgert?“ Damit spiegelst und benennst du die kindlichen Gefühle und bleibst in Kontakt mit deinem Kind. Es lernt, seine Emotionen zu benennen und besser zu kommunizieren. Die Aggression wird auf diese Weise langsam abnehmen.

Ein durchschnittliches Kind, das in einem sicheren und fürsorglichen Umfeld aufwächst, braucht eine ganze Kindheit experimentellen Lernens, um alle seine aggressiven Gefühl zu integrieren, die destruktiven unter Kontrolle zu bekommen und sie von den konstruktiven zu unterscheiden. Wer diese natürliche Entwicklung beschleunigen will, gefährdet die geistige Gesundheit des Kindes und landet womöglich beim Gegenteil von dem, was er ursprünglich durch seine Intervention beabsichtigt hat.

Juul,* S. 107.

Kinder bis sechs Jahre

Die Beispiele bezogen sich bislang auf Kleinkinder. Aber auch im Alter von vier bis sechs Jahren kommt es noch vor, dass ein Kind Eltern oder seine Freunde mit Aggression konfrontiert. Hier gilt immer noch: Beschuldigen, Beschämen und Bestrafen führen nie zu Besserung, sondern verschlimmern auf Dauer die Probleme. Als Faustregel gilt jedoch: Je älter das Kind, umso genauer sollte man auf seine Lebensumstände schauen. Aggression und Gewalt ist in dem Fall eine Einladung zu Kommunikation. Nach dem Motto: „Hilfe, irgendwas stimmt bei mir nicht – wie kann und soll ich mich besser ausdrücken?“

Nehmen wir die Einladungen unserer Kinder an.

Also:

Was kannst du tun, wenn dein Kind (destruktiv) aggressiv ist?

Über die Gewalt selbst zu reden, ist zwecklos. Sie ist nur Symptom. Das wird euch kein Stück weiterbringen, sondern nur Zeit und Kraft verschwenden.

Hier kommt eine Checkliste (vgl. Juul, S. 163ff.), die dir und deinem Kind den Alltag leichter machen kann, wenn es vermehrt Probleme mit Aggression und Gewalt gegeben hat:

  • Bleibe deinem Kind gegenüber neugierig, aufgeschlossen und interessiert. Hast du es schon mal gefragt, was es denn so wütend macht? Es ist hilfreich, sich unvoreingenommen in seine Lage zu versetzen.
  • Als nächstes lohnt ein Blick auf die familiäre Situation des letzten halben Jahres: Wie ging es jedem einzelnen in eurer Familie? Gab es Nachwuchs? Hast du Eheprobleme? Geldsorgen? Gab es Affären? Achtung: Dein Kind hat permanent Zugang zu deiner inneren (auch unbewussten) Haltung – auch wenn du sie verbergen willst. Es spiegelt mit vermehrter Aggression evtl. deine eigenen ungelösten Konflikte.
  • Welches Leben führst du? Bist du zufrieden? Oder ist dir dein Leben eigentlich zu stressig? Welche Kompromisse machst du? Wie wirkt sich das auf dein Wohlbefinden aus? Dein Kind kann nur im Hier und Jetzt leben – deine Zukunftspläne, für die du vielleicht arbeitest, sieht dein Kind nicht. Es erlebt nur den gegenwärtigen Stress.
  • Welche Beziehungen führt dein Kind? Wie geht es seinen Freunden? Hat es überhaupt Freunde?
  • Welche Atmosphäre herrscht im Kindergarten/ in der Schule? Wie gestalten sich dort die zwischenmenschlichen Beziehungen?

Irgendwo innerhalb dieser Punkte gibt es ein Loch, wie groß oder klein es auch sein mag, durch das dein Kind Selbstwertgefühl verliert. Und genau das verursacht seine Aggression.

Spar dir die Spucke, dein Kind direkt nach diesem Loch zu fragen. Wenn es schon in der Lage wäre, sein Problem differenziert wahrzunehmen und mit „erwachsenen“ Worten auszudrücken, dann wären Signale wie Hauen und Schubsen nicht nötig. Seine Prügelei heißt übersetzt vielleicht so viel wie: „In letzter Zeit macht mir irgendwas gehörig zu schaffen. Ich weiß weder was, noch wie ich das ändern kann. Ist da jemand, der mir helfen will?“

Ein Verhör führt dazu, dass dein Kind sich schuldig, dumm und überfordert fühlt.

Wenn du allerdings eine konkrete Vermutung darüber hast, was das Problem sein könnte, kannst du es deinem Kind offen erklären und seine Reaktion abwarten.

Fünf Schritte gegen Aggression

Es gibt ein kleines Patentrezept, das gegen destruktive Gewalt hervorragend wirkt. Hier ist es:

  • Dialog: Dialog ist das Gegenteil von Verhör. Streiche Warum-Fragen und Wie-war-dein-Tag. Verstecke dich nicht hinter Fragen, erzähle stattdessen etwas von dir. Bleib dann offen und achtsam gegenüber deinem Kind. Sei kein Lehrer oder Besserwisser. Tritt gedanklich auf Augenhöhe mit deinem Kind. Dann kann sich ein echter Dialog entspinnen. Genieße und staune. ♥
  • Interesse: Ersetzen wir Strafen mit Interesse, lösen sich die meisten Probleme von selbst. Denn nicht nur bei Kindern, auch zwischen sprachbegabten Erwachsenen kommt es regelmäßig zu Kommunikationsproblemen. Betrachten wir also kindliche Gewalt als ein Verständigungsproblem und interessieren wir uns für die eigentliche Botschaft. Eine schöne Möglichkeit bei Streitereien und Raufereien unter Kindern ist schlicht Moderation: „Braucht ihr Hilfe?“/ „Was willst du von ihm/ ihr?“/ „Oje, hier ist aber jemand wütend … Alles ok bei euch?“
  • Neugier: Bleibe deinem Kind gegenüber neugierig. Wenn du denkst, du kennst dein Kind, dann kennst du in Wahrheit nur Annahmen und Projektionen. Dein Kind (wie jeder andere Mensch) ist charakterlich stets im Wandel, und dein Gegenüber wirkt auf dich immer anders, als es tatsächlich ist. Frage dich: Liebes Kind, wer und wie bist du? Ich will dich weiterhin kennenlernen. ♥
  • Anerkennung: Versuche, Sinn und Motivation der kindlichen Handlungen wertfrei wahrzunehmen. Spiegle dein Kind und erkenne seine Gefühle an. (Fragende) Sätze zu formulieren, kommt dabei besser an, als Verhörfragen zu stellen. Das setzt dein Kind weniger unter Druck. Es fühlt sich vielmehr gespiegelt und angenommen:„Du siehst ganz unglücklich aus (?)“ „Du kommst mir wütend vor (?)“ „Ich hab das Gefühl, du hast ein Problem (?)“
  • Authentisches Feedback: Weg vom Du, hin zum Ich. Zeige, deinem Kind, wer du bist. Etwa so:

Wie aggressiv und frech du bist! Schäm dich!Ich hasse, wenn ich gebissen werde!

Du spinnst wohl? Ab auf dein Zimmer!Ich will nicht gehauen werden, lass das!

Du nervst mich!Mich nervt dieses Gebrüll!

Empathie als Schlüssel gegen Gewalt

Um Empathie zu entwickeln, braucht dein Kind authentische erwachsene Vorbilder, die ein reiches Gefühlsleben haben, differenziert empfinden und sich entsprechend ausdrücken können. Es muss Gefühle von anderen Kindern kennenlernen und experimentieren dürfen. Möglichst ohne den Eingriff von belehrenden, besser wissenden „großen Leuten“.

Um Empathie zu entwickeln, braucht dein Kind aber auch Zeit und Raum für sich. Wenn es von Entertainment abhängig, überreizt und überstimuliert ist, dann verliert es den Kontakt zu sich selbst.

Merkst du das an dir selbst vielleicht auch manchmal? Gerade das Leben in der Stadt überreizt uns: viel Verkehr, überall Blinken, Werbung, Musik, Worte, Lichter, Abgase etc. Hinzu kommt die Digitalisierung: Wer sitzt noch im Arztwartezimmer ohne Social Media, Nachrichtenportale oder SMS zu schreiben? Früher haben wir keine Yogastunde oder Meditationsanleitung gebraucht, weil wir einfach regelmäßig kurze Langeweilephasen in Achtsamkeit verbracht haben. Heute undenkbar.

Was für dich nur Stress bedeutet, ist für dein Kind entwicklungsschädigend.

Schon mal einen Vorschullehrplan durchgelesen? Da ist im Kleingedruckten chronische Überstimulierung inklusive.

Das Problem mit der Überstimulierung …

Überstimulierte, überreizte Kinder verlieren den Kontakt zu sich selbst. Es ist normal, dass sie dann ausflippen und aggressiv werden!

Wenn Kinder den Kontakt zu ihrem Inneren verlieren oder zu ihrer Essenz, schrumpft gleichsam ihre Empathiefähigkeit, und sie beginnen so zu agieren, wie Erwachsene in Großstädten, die an einer blutenden Person vorbeigehen; sie sind so beschäftigt, dass sie den leidenden Menschen gar nicht bemerken, geschweige denn, dass sie ihm helfen. […] Empathie ist ein effektives Gegengift gegen Gewalt.

Juul,* S. 158.

Allen Menschen, auch den Erwachsenen geht das so: Unter Stress geht die Empathie flöten und wir neigen zu aggressiven Handlungen. Wir verletzen unsere Kinder emotional, indem wir sie anschreien, ausschließen oder schlecht machen.

In diesem Artikel über Stress im Familienalltag liest du, warum wir hier nicht nur mit dem Finger auf Kinder zeigen müssen.

Bevor wir auf aggressive Verhaltensweisen von Kindern und Jugendlichen mit Bestrafungen oder Ausschließen reagieren, sollten wir uns bewusst machen, dass Menschen nur Menschen sind. Das gilt auch für die Kleinen.

Stell dir vor, du baust gefühlt eine Ewigkeit an einem supercoolen Turm aus Bauklötzen und plötzlich kommt dein Kumpel um die Ecke und reißt ihn einfach ein? Würdest du da nicht ausflippen?

Liebevolle Begleitung von Frustration

Eine achtsame und liebevolle Begleitung großer Gefühle, wie Frustration und Wut, ist gesellschaftlich kaum akzeptiert. Und sich aus Tabus zu befreien, ist für Eltern auch deshalb schwer, weil ja auch wir uns wertvoll fühlen wollen. Gehen wir unkonventionelle Wege, konfrontiert uns das oft mit Ablehnung, Unverständnis und Aggressivität anderer Erwachsener. Das ist schwer! Sollte aber kein Grund sein, das eigene Kind zu verletzen.

Die Idee, Kinder darin zu begleiten, ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln, ist brandneu und demnach noch nicht so vertraut, aber es gibt […] keinen Zweifel: Selbstwertgefühl zu entwickeln, sollte für uns […] der Hauptfokus sein, nichts kann Gewalt und Aggression effektiver vorbeugen.

Juul, S. 169.

In diesem Sinne

Empathische Grüße

Eure Anne

PS: Diesen Artikel zu teilen, kann deine Welt ein bisschen empathischer und weniger aggressiv machen. Also gerne weiterschicken! Das ist gut fürs Karma, du weißt … 😉

Infografik: Fünf Schritte gegen Aggression. Das ultimative Patentrezept gegen Gewalt bei Kndern (und Erwachsenen).

Literatur

Juul, Jesper: Aggression. Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist, Frankfurt/ Main 2013.*

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